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Die blutige Spur der Wolle

Schafe
Verabschiede dich vom Bild einer kleinen Schafherde, die gemütlich auf einer Weide vor sich hin grast – das hat mit der Realität nichts zu tun. Der absolut überwiegende Teil von Pullovern, Wollmänteln, Röcken, Schals und Wolldecken, Strickgarnen oder Möbelstoffen usw. ist mit Intensivhaltung und größten Qualen für die Schafe (Mulesing) verbunden. Nur bei wenigen ausgesuchten Produzenten ist Wolle zu finden, die guten Gewissens gekauft werden könnte.
Schafe

Leiden für Wolle (Foto: Pixabay, maria_anne)

Zuerst ein Wort zur Umweltfreundlichkeit von Wolle: Die wird allgemein völlig falsch eingeschätzt. In der made-by-Benchmark, die bewertet, wie ökologisch Textilfasern sind, rangiert Wolle in der schlechtesten Klasse E. Siehe den Artikel “Kunstfaser oder Naturmaterial”.

Das Haarkleid der Schafe

Schafe wurden von der Natur nicht geschaffen, um regelmäßig geschoren zu werden. Ohne die Einmischung des Menschen bekommen die Schafe nur so viel Wolle, wie sie benötigen, um sich gegen extreme Witterung zu schützen. Das Wollvlies isoliert den Körper der Tiere sowohl gegen Kälte als auch gegen Hitze. Ursprünglich wurde Wolle gewonnen, indem man es den Schafen während der Mauser (natürlicher Fellwechsel) auskämmte. Das Züchten zum Erzielen eines ständigen Vlieswachstums begann erst nach der Erfindung der Schermesser.

Die Schafschur

Nur wenn die Tiere von Hand, von geschulten Leuten und mit der nötigen Zeit und Achtsamkeit geschoren werden, können Schnittverletzungen vermieden werden. Ansonsten ist die Schur eine sehr unangenehme und schmerzhafte Prozedur für die Tiere. Sobald Wirtschaft (Profit, Akkordarbeit) und Tiere aufeinander treffen, müssen Tiere systemgemäß leiden: Zeit ist Geld und deshalb “kann” auf Befindlichkeiten der Tiere (Schmerz, Todesangst, Verzweiflung) keine Rücksicht genommen werden.

Wie Undercover-Recherchen immer wieder zeigen, werden Schafe bei der Schur brutal behandelt, verletzt und traumatisiert. Die internationale Tierrechtsorganisation PETA hat in einer Recherche 2015 nachgewiesen, dass in Argentinien Lämmer sogar bei lebendigem Leib gehäutet werden. Auch auf anderen argentinischen Schaffarmen hat PETA grausame Praktiken aufgedeckt, so werden den Schafen standardmäßig die Schwänze ohne Narkose abgeschnitten: siehe www.peta.de

Schafe scheren

Schafschur am Fließband (Foto: Wikimedia Commons, Paul, CC BY 2.0)

Mulesing

Der größte Wollproduzent der Welt ist Australien mit mehr als 100 Millionen Schafen. Die Herden bestehen in der Regel aus tausenden von Tieren. Rund ein Viertel der gesamten weltweit verkauften und verarbeiteten Wolle kommt aus Australien. Noch höher ist der Weltmarktanteil Australiens bei der bekanntesten Wollart, der Merinowolle – die Hälfte der weltweit verkauften Merinowolle stammt aus Australien!

Die Merinoschafe wurden hochgezüchtet, um besonders viel Wolle zu liefern, sie haben deshalb besonders viele Hautfalten. Im heißen Klima Australiens bedeutet das aber gleichzeitig, dass viele Tiere an Überhitzung sterben. In den gezüchteten Hautfalten wiederum sammeln sich Urin und Feuchtigkeit. Davon angezogen legt eine bestimmte Fliegenart ihre Eier in den Hautfalten ab. Die geschlüpften Larven ernähren sich dann vom Fleisch der lebenden Tiere. Um das zu verhindern, praktizieren die australischen Farmer eine grauenhafte Methode an den Schafen: Die Lämmer werden brutal auf den Rücken geworfen, ihre Hinterbeine werden mit Metallstange nach vorne gebogen und fixiert. Nun werden ihnen ohne Narkose der Schwanz und riesige Fleischstreifen an den Beinen und rund um den Schwanz herausgeschnitten – auf einer glatten, vernarbten Fläche legen die Fliegen keine Eier ab. Man nennt diese Methode “Mulesing”.

Obwohl viele Tiere danach etwa an Entzündungen sterben, “rechnet es sich” laut australischem Schafzüchterverband trotzdem. Die männlichen Lämmer werden darüber hinaus auch noch ohne Narkose kastriert. Es sollte zu denken geben, dass es für die australische Woll-Industrie keinen größeren Verlust bedeutet, wenn jedes Jahr bis zu 6 Millionen Tiere sterben: an den Folgen von Mulesing, schlechten Haltungsbedingungen, Schnittverletzungen oder zu früher Schur.

Zukunftsaussichten

Der Verband der australischen Wollfarmer hatte vor einigen Jahren versprochen, ab 2011 auf Mulesing zu verzichten und tierfreundliche Methoden zur Fliegenabwehr einzusetzen. Dieses Versprechen wurde dann zurückgezogen, das Mulesing geht also weiter. Auch die in Betracht gezogene Methode des Clip-Mulesings ist abzulehnen. Hier wird die Haut mittels Klammern abgeklemmt bis sie abstirbt. Die Methode ist zwar nicht blutig, aber genauso schmerzhaft.

Obwohl inzwischen große Bekleidungsketten wie H&M, Adidas, Timberland und Hugo Boss keine Wolle mehr von “gemulesten” Schafen verwenden, schaltet die australische Wollindustrie auf stur. Laut australischen Behörden werden derzeit 70% der Merinoschafe dem grausamen Mulesing unterzogen. Bedenken Sie, wenn Sie in Österreich einen Pullover aus Merinowolle kaufen, haben Sie eine 50%-ige Chance, dass die Wolle von gemulesten Schafen aus Australien stammt. (Siehe auch: http://wolle.peta.de/mulesing/)

Wolle stricken

Mit oder ohne Mulesing? Die Chancen stehen 50:50 (Foto: Pixabay, Catkin)

Pestizid-Bad

Mit dem Mulesing ist die Tortur der Schafe noch nicht vorbei. Mindestens zweimal im Jahr werden sie vorbeugend in ein Pestizidbad getaucht, um den Befall mit Parasiten zu verhindern. Die Pestizide belasten nicht nur die Schafe, sondern auch die Gewässer, die Umwelt und schließlich den Menschen – die Arbeitskräfte und die Träger von Wollkleidung. Pestizidbäder sind nicht nur in Australien, sondern auch in China, Neuseeland, Südamerika, Großbritannien, Türkei und den USA üblich, also in allen großen Wolle “produzierenden” Ländern. Einen starken Parasitenbefall gibt es übrigens nur in der Massentierhaltung.

Verschifft und geschächtet

Wenn die Schafe nicht mehr genügend Wolle geben, wartet der Schlachthof auf sie. Für die meisten australischen Schafe liegt der Schlachthof aber nicht nebenan, sondern auf einem anderen Kontinent. Das bedeutet einen wochenlangen qualvollen Transport auf riesigen Offendeck-Schiffen. Von Australien aus werden jedes Jahr Millionen “ausgediente” Schafe in den Nahen Osten und nach Nordafrika verfrachtet. Die Bedingungen auf den Schiffen sind so schrecklich, dass im Durchschnitt 10% der Tiere während der Überfahrt sterben. Und auf die Überlebenden erwartet an ihrem Bestimmungsort das Schicksal der Schächtung, also das Schlachten ohne Betäubung. Was sich etwa in ägyptischen Schlachthäusern abspielt, hat die Tierschutzorganisation PETA gefilmt. Ersparen wir uns hier die Details.

Übrigens gibt es nicht nur Massentiertransporte von Australien aus. Auch aus Großbritannien werden jährlich 800.000 Schafe zum Schlachten ins Ausland gebracht.

Ein lohnendes Geschäft

Ähnlich wie bei Rindfleisch und Leder bedingen einander auch Wolle und Schaffleisch. Die billige und massenhafte Produktion rechnet sich vor allem, weil die Tiere zuerst wegen ihrer Wolle ausgebeutet werden und später ihr Fleisch noch Geld abwirft. Und schließlich verdienen die Schafzüchter auch noch am Verkauf des Wollwachses (Lanolin), das vor allem in der Kosmetikindustrie eingesetzt wird. Ein grausames Geschäft, aber ein lohnendes Geschäft – weil die KonsumentInnen es kaufen: Wolle, Fleisch, Lammfell und Lanolinprodukte.

Schaffell

Das abgezogene und gefärbte Fell eines Merino-Lammes (Foto: Wikimedia Commons, Felloase, CC BY-SA 4.0)

Die Haut von Kinderschafen für den Kinderwagen?

Lammfell ist vor allem sehr beliebt, um Babys im Kinderwagen zu wärmen. Lämmer sind Babyschafe, sie werden noch von ihrer Mutter gesäugt. Doch bereits nach wenigen Wochen landen jedes Jahr viele Millionen Lämmer im Schlachthaus. Ihre Haut und Haare werden zu Stiefelfutter, Uggs, Fellkrägen oder sogar Fellmänteln und Babydecken verarbeitet.

Genauso wie Pelze müssen auch Lammfelle gegerbt werden. Bei dieser Behandlung wird das Material mit hochgiftigen Chemikalien behandelt, damit es haltbar wird und nicht verrottet. Rückstände dieser giftigen Substanzen finden sich oft in den verkauften Lammfellen wieder, was eine gesundheitliche Beeinträchtigung für den Nutzer bedeuten kann. Außerdem befinden sich die Gerbereien meist in in Entwicklungsländern, wo die Arbeitsbedingungen katastrophal sind. Details dazu in unserem Artikel “Leder – weder natürlich noch fair”.

Weitere Infos:

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