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Rinder – zu Fleisch- und Milchlieferanten degradiert

Kühe Kalb
Mit „glücklich“ oder auch nur „artgerecht“ hat das Leben, das wir den Rindern bereiten, nichts zu tun. Die Stiere müssen auf Attrappen springen und absamen, die Kühe werden künstlich befruchtet. Die Kälber werden den Müttern nach der Geburt weggenommen und in Einzelboxen ohne jeglichen Körperkontakt gehalten. Dann werden ihnen die Hörner ausgebrannt, ein wichtiger Körperteil, der auch als Kommunikationsmittel dient. Die verunstalteten Tiere fristen ihr Dasein meist in riesigen Ställen, oft auch noch mit einer Kette angebunden. Milchkühe werden laufend geschwängert, damit ihre Muttermilch immer weiter fließt. Die Kälber werden im Babyalter, die Jungrinder als Kinder geschlachtet – meist auf Schlachthöfen, wo im Akkord geschlachtet wird – eine wirksame Betäubung vor dem Zerteilen ist nicht immer garantiert. Übrigens der Schlachthof macht bei Bio-Tieren keinen Unterschied. Dem was Rinder ausmacht, ihrem Sozialverhalten, ihrem Spieltrieb, wird in unseren Nutztier-Anlagen in keiner Weise Rechnung getragen.
Kühe Kalb

So lebt nur eine Minderheit (Foto: Pixabay, oleagagoitia)

Rinder sind Familientiere

Kühe stammen von Auer- oder Urochsen ab und sind Herdentiere, die enge Freundschaften, soziale Bindungen und Beziehungen pflegen. In jeder Herde gibt es eine Leitkuh, Stiere und insgesamt bis zu 100 Mitglieder. Wenn es um die Rangordnung innerhalb der Herde geht, spielen vor allem ihre Hörner eine wichtige Rolle als Kommunikationsmittel und Abstandhalter. Die Hörner dienen gleichzeitig der Verteidigung ihrer Kälber vor Feinden und haben wahrscheinlich auch Funktionen im Stoffwechsel der Tiere. Die Kuhkinder sind sehr aktiv und lebendig und saugen fünf bis achtmal täglich bei ihren Müttern saugen. Eine Mutter-Tochter-Beziehung besteht lebenslang und ist besonders innig. Details dazu sind auch in unserem Blogartikel „Kühe pflegen innige Freundschaften“ nachzulesen.

Massentierhaltung für Massenlebensmittel

Derzeit werden in Österreich knapp zwei Millionen Rinder gehalten. Der Inlandsverbrauch an Fleisch betrug im Jahr 2016 rund 65 kg pro Kopf – knapp 12 kg davon waren Rindfleisch (Abschnitte mit eingerechnet). Wesentlich höher ist der Konsum von Milchprodukten. Laut Statistik Austria haben die ÖsterreicherInnen im Jahr 2016 pro Kopf 74kg Trinkmilcherzeugnisse konsumiert, Käse schlug mit 23 kg zu Buche – eine riesige Menge an Milchprodukten und mehr als in vielen anderen Ländern. Wir haben hierzulande sogar eine Überproduktion: Der Selbstversorgungsgrad betrug für Trinkmilch (inkl. Joghurt) im Jahr 2016 satte 166%, bei Rind- und Kalbfleisch 141%.

Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Betriebe nahm in Österreich in den letzten Jahrzehnten sehr stark zu – das heißt immer mehr Tiere und weniger Betriebe. Und immer höhere Milchleistungen pro Kuh. Weidhaltung ist nur einem kleinen Teil der Rinder in Österreich vergönnt. Der Rest fristet sein Dasein in Ställen, meist sogar in dauernder (!) Anbindehaltung (s.u.).

Das Licht der Welt erblicken – das traurige Schicksal der Kälbchen

In den ersten Stunden nach der der Geburt erhalten die Kälbchen Rinderkolostralmilch von der Mutter – diese ist für den menschlichen Konsum nicht geeignet und so dürfen die jungen Tiere wenigstens einige wenige Stunden mit ihrer Mutter verbringen, bevor sie ihr entrissen und in winzig kleine Einzelboxen gesperrt werden. Eine Mutterkuhhaltung, bei der die Kälber bei den Müttern bleiben dürfen, ist ausschließlich in der Fleischproduktion (also bei Fleischrassen) und da nur in einigen wenigen Betrieben üblich.

Die meisten Kälber müssen ihre ersten zwei Lebensmonate aber auf engstem Raum in Einzelhaft verbringen. Die sogenannten „Buchten“ sind meist nicht mehr als 120-160 cm lang und 80-100 cm breit. Etwas größer sind die Kälberiglus, sie bieten auch einen winzigen Auslauf. Die Haltung in der Gruppe muss nach der achten Lebenswoche erfolgen. Das Gesetz sieht hier aber Ausnahmeregelungen vor, weshalb nicht alle Kälber in der Gruppe gehalten werden.

Kalb Milch

Mutter und Muttermilch gehören zum Kalb (Foto: flickr, Mark Michaelis, CC BY 2.0)

Die frühe Trennung von der Mutter und die Isolation von anderen Artgenossen erzeugen bei den Kälbern immensen Stress, der krankheitsanfällig macht und oft gesundheitliche Schäden zur Folge hat. Natürlicherweise saugen Kälber wie gesagt bis zu achtmal täglich an den Zitzen der Mutterkuh, im Betrieb können sie ihren Saugreflex nicht richtig ausleben, was wiederum sehr oft zu Verhaltensstörungen führt. Der Großteil der Muttermilch ist ja für den menschlichen Bedarf reserviert. Die Babys bekommen ausschließlich billige Milchaustauscher zu trinken.

Verstümmelung

Als müssten die frischgeborenen Kälbchen nicht schon genug leiden, wird ihnen in den ersten Lebenswochen meist die Hornanlage zerstört. Während die Werbung und Bilder auf Milchkartons nur glückliche Kühe mit Hörnern zeigen, wird in Österreich rund 84% des Rinderbestandes enthornt. Dabei wird die Hornanlage mit einem Brennstab zerstört. Bei bis zu zwei Wochen alten Tieren durfte diese extrem schmerzhafte Prozedur bis Oktober 2017 noch ohne Narkose durchgeführt werden. Erst seitdem ist eine Lokalanästesie vorgeschrieben. Welch massive Auswirkungen – etwa auf Stoffwechsel und Sozialverhalten – das Zerstören der Hornanlage hat, kann in unserer Artikelserie „Sag mir, wo die Hörner sind…“ von Gastautorin Dr. Karin Büchl-Krammerstätter nachgelesen werden. Teil 1: Von der Bedeutung des Horns. Teil 2: Die Antwort der Landwirtschaft.

Rindermast für die Fleischherstellung

Österreich ist traditionell ein Land mit einer Überproduktion im Rindfleischsektor. Der Selbstversorgungsgrad lag im Jahre 2012 bei rund 146%. Männliche Kälber werden nach der Geburt schnellstmöglich gemästet und geschlachtet, denn für die Milchproduktion können sie nicht gebraucht werden. Sobald sie ihr Mastgewicht erreicht haben, werden sie zum Schlachthof gebracht. Dies geschieht meist noch bevor die Tiere sechs Monate alt werden, denn die Wirtschaftlichkeit ist nur bei niedriger Mastdauer hoch.

Spätestens acht Wochen nach der Geburt müssen Kälber gesetzlich in der Gruppe gehalten werden, die Bedingungen sind hier allerdings nicht viel besser als in der Einzelhaltung. Oft müssen die Tiere auf perforierten Böden – also Betonspaltenböden, Kunststoff-, oder Metallrosten –  auf engstem Raum stehen und bekommen das Tageslicht kaum zu Gesicht.

Kühe Stall

Normierte Liegebuchten und Spaltenboden im Laufstall (Foto: Pixabay, 1447441)

Eine kurze Mastdauer wird unter anderem durch eine wachstumsorientierte Proteinversorgung angestrebt, was etwa durch Getreidefütterung erreicht wird. Diese ist nicht artgerecht für Kühe und deren Verdauungstrakt. Das Bild von der glücklich grasenden Kuh auf einer saftig grünen Wiese entspricht leider selten der Realität.

Milchkuhhaltung

Nach wie vor müssen in Österreich Rinder in dauernder Anbindehaltung ihr Dasein fristen – legalisiert durch Ausnahmeregelungen, die sowohl im Tierschutzgesetz als auch in der Ersten Tierhaltungsverordnung festgeschrieben sind. Die dauernde Anbindehaltung ist „aus zwingenden technischen oder rechtlichen Gründen“ weiterhin unbegrenzt erlaubt – eine schwammige Formulierung mit breiter Interpretationsmöglichkeit. Ganz konkret wird damit das Schicksal der großen Mehrheit der Rinder in Österreich besiegelt: Rund 95% der Kühe aus kommerzieller Haltung leben ihr Leben lang in Anbindehaltung mit Ketten, Seilen oder Halsbändern. In Laufställen sind sogar elektrische Abschrankungen vorübergehend zulässig.

Auch der sogenannte „Kuhtrainer“ darf, sofern er bereits vor 2005 im Betrieb installiert wurde, weiterverwendet werden – allerdings „nur“ einen Tag pro Woche. Kontrollieren lässt sich das kaum. Neuinstallationen sind in Österreich aber verboten. Dabei handelt es sich um einen Elektrobügel oberhalb des Rückens der Rinder angebracht wird und ihnen einen elektrischen Schlag versetzt, wenn sie nicht im Kotgraben abkoten. Dieses Gerät – aus unserer Sicht ein Folterinstrument – führt bei den Tieren zu permanentem Angststress, Stoffwechselschäden, Fruchtbarkeitsstörungen und schränkt ihre Bewegungsfreiheit stark ein.

Kälbchen- und Milchdiebe

Mit zwei Jahren ist das weibliche Jungtier geschlechtsreif und der Alltag einer Milchkuh beginnt. Von nun an wird die Kuh künstlich befruchtet, sie befindet sich jahrelang in einer Dauerschwangerschaft. Nur in den zwei Monaten vor der nächsten Geburt gibt sie keine Milch. Kurz nach der Geburt wird der Mutterkuh ihr Kälbchen weggenommen.

In Österreich werden sehr viel Milch getrunken beziehungsweise Milchprodukte gegessen. Je mehr Milch, Joghurt und Käse nachgefragt wird, desto mehr Kälber müssen geboren werden. Die männlichen Kälber werden gemästet und geschlachtet. Sehr viele österreichische Kälber werden außerdem auf langen Transportfahrten ins Ausland gebracht, etwa nach Spanien oder Italien, wo traditionell mehr Kalbfleisch gegessen wird. Aber auch in osteuropäische Staaten und noch weiter weg werden die Kälbchen auf tagelangen Transporten verfrachtet. Die weiblichen Kälber erwartet das gleiche Schicksal wie ihre Mütter.

Milch

Milchkonsum als Grund für den Tod von Millionen von Kälbern (Foto: Pixabay, Couleur)

Die Milchkühe haben in den letzten Jahrzehnten immer höhere Milchleistungen erbringen müssen. Das liegt einerseits an dem eiweißreichen Hochleistungsfutter und andererseits an der Züchtung. Heute beträgt die Jahresdurchschnittsleistung an Milch zwischen 5.000 und 10.000 Liter! Durch die unnatürlichen Hochleistungszüchtungen häuft sich bei den Tieren eine Vielzahl von Erkrankungen. Vor allem durch den maschinellen Milchentzug kommt es regelmäßig zu sehr schmerzhaften Entzündungen der empfindlichen Milchdrüse.

Nach vier bis fünf Jahren ist auch für die Milchkühe die Lebenszeit abgelaufen und der Schlachthof wartet. Sehr alt werden selbst die Milchkühe nicht, wenn man bedenkt, dass ihre natürliche Lebenserwartung etwa 30 Jahre beträgt. Weitere Informationen dazu sind in unserem Artikel „Woher kommt die Milch“ nachzulesen.

Alternative Bio?

Wer erwartet, dass die Trennung von Mutterkuh und Kalb, die Ernährung der Kälber mit Milchaustauscher oder die Einzelhaltung nur die konventionelle Rinderhaltung betreffen, muss enttäuscht werden. Auch Biorinder werden selten wirklich artgerecht gehalten. Einzel- und Anbindehaltung sind laut österreichischen Biorichtlinien zwar verboten, doch aufgrund zahlreicher Ausnahmeregelungen keinesfalls immer gewährleistet. Auch die Enthornung der Kälber und bei den Milchkühen die frühe Trennung vom Muttertier ist in der Biohaltung Standard. Und selbstverständlich erzeugt auch die Bio-Milchwirtschaft einen Kälberüberschuss, sodass vor allem die männlichen Tiere noch im Kindesalter geschlachtet werden. Immerhin dürfen Rinder mit einem Lebenszyklus von mehr als einem Jahr mindestens 180 Tage im Jahr ins Freie.

Das Ende ist für alle gleich

Ob als Jungrind oder ausgemusterte Milchkuh – der letzte Gang bleibt den Tieren nicht erspart. Und am Schlachthof wird zwischen Biotieren und Tieren aus der konventionellen Viehhaltung kein Unterschied gemacht. Beim Entladen der Tiere dürfen elektrische Treibstöcke bei bereits ausgewachsenen Rindern verwendet werden.

Fleisch Schlachthof

Nach einem industrialisierten Leben folgt ein industrialisierter Tod (Foto: Pixabay, Jai79)

Die Rinder werden meist durch einen Bolzenschuss betäubt. Doch oft kommt es vor, dass die Tiere nicht richtig betäubt werden. Denn der Schlachter muss das Bolzenschussgerät richtig setzen, um das Gehirn mechanisch zerstören zu können. Bei den nervösen Tieren ist das nicht immer einfach. Oft genug kommt es vor, dass ein Rind im Schlachtverlauf das Bewusstsein wieder erlangt. Wie eine in Deutschland durchgeführte Studie zeigte, verfehlt der Bolzenschuss jährlich bei rund 200.000 Tieren das Ziel, so dass diese einen qualvollen Tod erleiden müssen. Die Situation ist mit jener in österreichischen Schlachthöfen vergleichbar.

Ein weiteres Faktum kommt hinzu, von dem nur wenige KonsumentInnen wissen: Allzu oft werden schwangere Kühe geschlachtet.

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