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Echt retro: Fiaker, Ponykarussell & Co.

Kutsche
Ist etwas akzeptabel und hat allein schon dadurch eine Daseinsberechtigung, weil es eine lange Tradition hat? In der Menschheitsgeschichte gab es schon viele Traditionen, die aufgrund von veränderten ethischen Werten aufgegeben wurden. Was hindert uns also daran, ein Fortbewegungsmittel der Vormoderne sowie eine äußerst fragwürdige Kinder-Attraktion dorthin zu schicken, wo sie hingehören: in die Vergangenheit.
Kutsche

Gehört diese Art der Fortbewegung nicht längst der Vergangenheit an? Bild: Pixabay (OpenClipart-Vectors)

Fiaker

Die meisten Fiaker gibt es hierzulande in Wien, aber auch in Salzburg und Innsbruck gibt es einige Betriebe. Diese vollkommen antiquierte “Attraktion” bedeutet für die Tiere ein Leben lang Leid und Schmerz. Und wer die Dienste eines Fiakers in Anspruch nimmt, unterstützt und fördert dieses Tierleid.

Wir haben im Text über Pferde beschrieben, wie groß ihr Bewegungsdrang ist, dass sie in ihrer natürlichen Bewegung kaum eine Minute still stehen. Fiakerpferde müssen jeden zweiten Tag 12 Stunden lang in der Innenstadt verbringen, die meiste Zeit müssen sie wartend am Standplatz vollkommen ruhig stehen. Kein selbstkontrollierter Schritt ist möglich, da die Tiere andauernd angeschirrt sind, damit die Kutsche sofort fahrbereit ist, wenn Kunden kommen. Ihr Arbeitstag dauert aber bis zu 14 Stunden, denn natürlich muss das Anschirren und Zufahren zum Standplatz im 1. Bezirk dazugerechnet werden. Die Mehrheit der Fiakerställe befindet sich in den Außenbezirken von Wien.

Pferde sollten den ganzen Tag über Zugang zu Raufutter haben. Auch das bleibt den Fiakerpferden verwehrt, da sie oft nur morgens und spätabends nach der Heimkehr gefüttert werden. Wind und Wetter sind die Pferde natürlich ausgesetzt. Vor allem die brütende Hitze im Sommer macht den Tieren schwer zu schaffen. In der freien Natur würden sie sich einen Schatten suchen. Auf den Standplätzen stehen sie in der prallen Sonne.

Sieht so ein artgerechtes Pferdeleben aus?

Die Pferde – ausgesprochene Fluchttiere – werden gezwungen, durch den lauten, beängstigenden, schnellen und stinkenden Straßenverkehr zu laufen: eine Qual für die Tiere. Ohne Ohrstöpsel und Scheuklappen würden sie vermutlich durchdrehen. Auch das ständige Gehen auf Asphalt belastet sie, schädigt Gelenke und Muskulatur.

Im Stall erwartet die Tiere ebenso wenig ein artgerechtes Leben. Sie sind in Einzelboxen oder Verschlägen untergebracht, können dadurch keinen normalen sozialen Kontakt zu Artgenossen haben. Die meisten Fiakerbetriebe haben keinen Auslauf oder gar eine Koppel für die Tiere: kein unbeschwertes Bewegen, Traben, Galoppieren, kein Buckeln, kein auf der Erde wälzen, kein weicher Untergrund.

Fiakerpferde bei ihrer unfreiwilligen Arbeit als Touristenattraktion, Foto: Wikimedia Commons, (MrPanyGoff, CC BY-SA 3.0)

Einige Ställe befinden sich außerdem in Kellern, was bedeutet, dass die Tiere kein Sonnenlicht haben. In anderen Ställen sind nach Recherchen des VgT (Verein gegen Tierfabriken) die Scheiben so verschmutzt, das auch kaum Licht durchdringt. Auch die ständige Versorgung mit Wasser (automatisches Tränksystem) ist nicht immer gewährleistet, das gleiche gilt für Heu. Auch über fehlende Einstreu berichtet der VgT.

Willkommen im 21. Jahrhundert

Fiaker gibt es in Österreich seit dem 17. Jahrhundert. Vier Jahrhunderte später sollten wir eigentlich schon weiter sein und eine derart unzeitgemäße, die Pferde quälende Praxis, abgeschafft haben. Alternativen gibt es ja ausreichend: Nostalgie-Straßenbahnen, Hop-on-hop-off-Busse, sportliche Touristen fahren mit dem Seway oder Citybike rund um den Ring und in den ersten Bezirk. Aber auch kutschieren lassen kann man sich…

Fahrradrikscha

Die zeitgemäße Pferde… äh Drahtesel-Kutsche lässt die Pferde auf der Wiese (Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0)

Hofreitschule

Die Reitkunst der Wiener Hofreitschule gilt als unantastbares Nationalheiligtum. Wer dieses in Frage stellt, läuft wahrscheinlich Gefahr, massiv angefeindet zu werden. Wir tun es hier trotzdem.

Allerdings: Mit Sicherheit gehören die Lipizzaner zu den am meisten umhegten Tieren dieses Landes. Und mit Sicherheit gibt es schlimmere Schicksale, die Pferde hierzulande ertragen müssen. Deshalb wollen wir nur die Frage in den Raum stellen: Wer hat Spaß an der ganzen Sache – der Betrachter oder die Pferde? Und: Einem Betrachter, dem es nur Spaß macht, etwas zu betrachten, was den Pferden auch Freude bereitet, wird der Spaß am Besuch der Wiener Hofreitschule möglicherweise vergehen.

Ponykarussell

Das Ponykarussell ist für die Tiere ein Alptraum. Stundenlang laufen sie in gleicher Richtung im Kreis. Ihre Gelenke werden dabei einseitig belastet und geschädigt. Durch die monotone Bewegung werden die Pferde völlig abgestumpft und entwickeln Verhaltensstörungen. In der Regel werden sie auch noch viel zu selten ausgetauscht und haben dadurch zu wenig Gelegenheit, Raufutter und Wasser aufzunehmen, was sich ebenfalls negativ auf ihre Gesundheit und Psyche auswirkt.

Ponykarussell

Kein Kinderspiel für die Pferde: Ponykarussell im Wiener Prater, Foto: Wikimedia Commons (Jeremy Thompson, CC BY 2.0)

Als wäre die Zeit stehen geblieben, gibt es in Österreich immer noch diese antiquierten “Attraktionen”, bei denen Pferde als Maschinen missbraucht werden – im Prater in Wien, bei Jahrmärkten und Weihnachtsmärkten. In einer modernen Gesellschaft sollten Ponykarusselle keinen Platz haben. animal.fair fordert deshalb das gesetzliche Verbot von Ponykarussellen.

Um Kindern den Wunsch nach Umgang mit Pferden und Ponys zu erfüllen, gibt es bessere Möglichkeiten, bei denen die Würde der Tiere gewahrt und ihnen Respekt entgegen gebracht wird. Eine Möglichkeit wäre das Erlernen des Reitens mit einem Lehrer, der seine Pferde maximal zweimal am Tag in die Reitstunde schickt, wo auf Bedürfnisse und Wesen der Pferde Rücksicht genommen wird (vgl. hier). Eine noch bessere Möglichkeit ist das Beobachten von Tieren, die wirklich artgerecht leben – nämlich in Freiheit!

Kind- UND pferdgerecht

Tatsächlich nahe bringt man Kindern Pferde, wenn man ihnen diese hoch sensiblen Tiere in ihrer natürlichen Umgebung und mit ihren natürlichen Verhaltensweisen zeigt. Nicht nur in den USA (v.a. in Nevada, Montana, Wyoming, Oregon) gibt es wilde Mustang-Herden, auch in Europa gibt es einige Orte, wo wilde bzw. halbwilde Pferdeherden leben:

Rumänien:

Im Letea-Wald im Biosphärenpark Donaudelta leben heute mehrere hundert Wildpferde. Mit ihrer wachsenden Zahl sehen die rumänische Behörden und “Umweltschützer” seltene Pflanzen bedroht. 2010 wurde die Tötung der Tiere beschlossen. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten konnte das verhindern und einigte sich mit den Behörden auf einen Aktionsplan, der Fütterung und Empfängnisverhütung beinhaltet.

Deutschland:

Im Merfelder Bruch in Westfalen leben heute mehr als dreihundert Dülmener Wildpferde. Es gibt eine “Wildpferdebahn”, von der aus die Tiere zu eingeschränkten Zeiten beobachtet werden können. Einzigartig ist die halbwilde Kulan-Herde (asiatische Wildesel) in den Weilbacher Kiesgruben (nahe Frankfurt am Main). Allerdings wurden dort nur Hengste (ehemalige Zootiere) angesiedelt.

Wildpferde

So fühlen sich Pferde am wohlsten: im Freien und im Schutz der Herde. Foto: Pixabay (Jayfeather)

Sardinien:

Auf dem Hochplateu der Giara di Gesturi leben heute an die 600 Wildpferde. Wer im Naturschutzgebiet eine Wanderung macht, kann die Tiere in friedlicher Nachbarschaft mit Rindern, Ziegen, Schweinen und Schafen beobachten.

Frankreich:

Weltbekannt sind die weißen halbwilden Pferde der Camargue, im Rhône-Delta Südfrankreichs. Sie werden allerdings auch als Reit- und Nutzpferde eingesetzt.

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