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Das Pferd – ein Reittier?

Das höchste Glück der Pferde liegt nicht darin, mit einem Reiter am Rücken durch die Gegend zu traben. Im Gegensatz zu dem, was offenbar viele Pferde-“Liebhaber” glauben, hat die Natur das Pferd nicht dazu erschaffen, um Lasten – oder Menschen – auf seinem Rücken zu tragen. Auch wurden sie nicht dazu geschaffen, um Geschwindigkeits-, Hindernisrennen oder seltsame Kunststücke zu absolvieren. Würde man das hochsoziale Pferd fragen, was es will, dann würde es wohl antworten, dass es am liebsten in einer Herde mit seinen Artgenossen leben würde. Der größte Teil des Tages wird grasend im Gehen verbracht, zwischendurch auf der Erde gewälzt oder auch mal gebuckelt. Und zwischendurch legt das ausgeprägte Fluchttier auch mal einen Galopp hin.

Pferde-Glück: mit den “Kumpels” draußen sein, Foto: Pixabay (2Oe2)

Sensibel, sozial, bewegungsfreudig

Ein Pferd in einer Einzelbox zu halten – leider noch immer gang und gäbe – ist Tierquälerei. Für diese Herdentiere ist der Sozialkontakt zu ihren Artgenossen essentiell, der Kontakt nur zu Menschen oder anderen Tierarten wie Schafen oder Eseln ist keinesfalls ein Ersatz. Weiters brauchen die sogenannten Flucht- und Lauftiere täglich einen mehrstündigen Auslauf. Am besten ist es, wenn sie mit einer konstanten Gruppe den ganzen Tag auf einer großen Koppel verbringen, auf der sie ihren intensiven Bewegungsdrang ausleben können. Idealerweise steht den Tieren für die Nacht oder im Falle von Regenwetter ein Offenstall zur Verfügung.

Wer sich mal die Zeit genommen hat, so eine Pferdegruppe zu beobachten, der weiß, dass die Tiere morgens auf die Koppel stürmen, buckeln, galoppieren und sich auf der Erde wälzen. Die meiste Zeit des Tages verbringen sie aber mit Grasen, das ist – zeitlich betrachtet – ihre Hauptaktivität: Fressen in ständiger, langsamer Bewegung (Gangart Schritt). In der freien Natur verbringen sie bis zu 16 Stunden am Tag in Bewegung. Zu den Aktivitäten in der Herde gehören auch Spiele mit den Artgenossen sowie Körperpflege.

Die meisten Pferde leben nicht artgerecht

Eine Stunde Reiten am Tag reicht nicht aus. Weder befriedigt dies den Bewegungsdrang noch ersetzt es die wichtigen Sozialkontakte zu anderen Pferden. Mehrere Stunden am Tag Reitschüler in der Reitbahn zu tragen, gibt dem Pferd keine Möglichkeit, seine arteigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Zusammenfassend gesagt: Boxenhaltung schädigt nicht nur die Psyche der Pferde, sondern auch ihre körperliche Gesundheit (Gelenke), da ihr Körperbau auf Bewegung ausgerichtet ist. Sie ist daher strikt abzulehnen, auch in Verbindung mit sportlichem Training (Reiten, Führmaschine etc.) ist sie inakzeptabel. Jedem Pferd sollten mehrere Stunden pro Tag freie Bewegung mit Artgenossen zugestanden werden.

Pferdestall, Boxen

Die Haltung im Boxenstall befriedigt das Bedürfnis nach Bewegung nicht, Foto: Pixabay (christels)

Pferdegerechte Haltung – die beste Gesundheitsvorsorge

Pferde haben wie beschrieben sehr lange Fresszeiten. Ihr Verdauungstrakt ist darauf ausgelegt, viele kleine Portionen Raufutter (insbesondere Heu, eventuell auch Stroh) über den ganzen Tag verteilt zu verdauen. Der Magen des Pferdes ist klein und der Darm sehr empfindlich. Eine rohfaserreiche Fütterung mit Heu ist lebensnotwendig und es sollte daher auch ein ständiger Zugang zum Futter gewährleistet sein. Als Mindestmaß müssen gemäß der 1. Tierhaltungsverordnung zumindest drei Mahlzeiten am Tag bereitgestellt werden. Die bei uns oft üblichen zwei Fütterungen am Tag, mit langen Fresspausen dazwischen, sind in keiner Weise artgerecht und oft Ursache für schwere physische und psychische Erkrankungen. Besonders zu erwähnen sind hier Koliken (eine lebensbedrohliche Störung des Verdauungstrakts) oder das Koppen (eine Verhaltensstörung, bei der das Pferd Luft schluckt).

Das größte Glück der Pferde ist der Reiter auf der Erde 

Reiten bedeutet immer, dem Pferd seinen Willen aufzuzwingen – sehen wir dieser Tatsache ins Auge. Kein Pferd würde es sich freiwillig aussuchen, einen Reiter auf seinem Rücken zu transportieren, mit ihm bestimmte Gangarten zu vollführen oder über Hindernisse zu springen. Im Interesse des Pferdes ist das nicht. Wer sich dennoch dafür entscheidet, reiten zu lernen, sollte das nur mit einem Höchstmaß an Verantwortungsbewusstsein tun. Reiten ist kein Sport wie Tennis oder Fussballspielen – beim Reiten hat man es mit einem äußerst empfindsamen Lebewesen zu tun.

Die wenigsten Reitschulen entsprechen dem Mindestanspruch, den animal.fair als für die Pferde einigermaßen tierfreundliche Lösung betrachtet: max. 1 bis 2 Reitschüler am Tag – den Rest des Tages in der Gruppe auf der Koppel. Reitunterricht als Einzelunterricht, da ein Lehrer so etwa sofort eingreifen kann, wenn ein Schüler am Zügel reißt und dem Pferd in seinem sensiblen Maul weh tut. Die gängige Praxis in Reitschulen beschert den Reitschulpferden ein unglückliches Leben. Auch die wechselnden Reiter und Bezugspersonen sind für die Tiere nicht gut. Bei der Wahl der Reitschule sollte gut überlegt werden, wo man sein Geld hinträgt, denn schließlich wird damit die jeweils übliche Praxis, mit den Tieren umzugehen, gefördert.

Pferd springen

Ein Pferd ist kein Sportgerät, Foto: Pixabay (kirahoffmann)

Alternativen zur klassischen Reitschule

Eine pferdeschonende Möglichkeit wäre es etwa, sich als MitreiterIn an einem Pferd zu beteiligen. Über Internetforen können Mitreiter und Pferdehalter miteinander Kontakt aufnehmen. Somit hat ein Pferd z.B. nur zwei Bezugspersonen. Viele Reitlehrer arbeiten heute bereits frei und kommen in verschiedene Ställe. Die/der MitreiterIn kann im Einzelunterricht das Reiten lernen oder verfeinern. Auch wer selbst ein Pferd kauft, sollte sich vorher bewusst sein, welche Verantwortung übernommen wird und was ein Pferd braucht, um seiner 20 bis 30 Lebensjahre ein annähernd artgerechtes Leben führen zu können.

Jedenfalls sollte uns klar sein: Der Körperbau eines Pferdes ist von Natur aus nicht zum Tragen gemacht. Ein Pferd muss erst die notwendige Muskulatur aufbauen, um einen Reiter tragen zu können, ohne Abnützungsbeschwerden zu entwickeln.

Pferde haben ein feines Gehör und einen guten Sehsinn (fast mit Rundumblick) – das macht auch Sinn bei einem ausgeprägten Fluchttier, das kleinste Veränderungen in der Ferne bemerkt und instinktiv die Flucht ergreift. Dank dieser Taktik haben die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum auch die größten Überlebenschancen. Reitern muss bewusst sein, dass das sogenannte Scheuen des Pferdes sein ganz natürlicher Instinkt ist. Reiten bedeutet immer, auch diesen Urinstinkt des Tieres zu unterdrücken.

Vom Militärstil bis zum Pferde”flüstern”

Englisch

Diese Reitweise ist in Europa weit verbreitet, ihren Ursprung hat sie beim Militär. Die Pferde werden so ausgebildet und trainiert, dass sie, ohne selbst Schaden zu nehmen, einen Reiter tragen können, ihm auf leichte Hilfen folgen und möglichst bis ins hohe Alter gesund bleiben. Gearbeitet wird allerdings mit sehr viel Druck. Beispiel: Soll das Pferd nach links gehen, wird am linken Zügel gezogen und damit Druck auf das extrem empfindlichen Maul des Pferdes ausgeübt.

Western

Als Westernreitstil wird eine Reitmethode bezeichnet, die aus der Arbeitsreitweise der Cowboys entwickelt wurde. Hier soll das Pferd selbstständiger arbeiten. Die Hilfen für das Pferd sind subtiler. Soll es beispielsweise nach links gehen, blickt der Reiter in diese Richtung, verlagert dadurch minimal sein Gewicht und signalisiert dem Pferd so die gewünschte Richtung. Auf sehr hohem Niveau dieses Reitstils und wenn zwischen Pferd und Reiter ein gutes Vertrauensverhältnis herrscht, reicht oft die Konzentration des Menschen auf eine Richtung und das Pferd wendet sich dorthin. Gleich wie bei der englischen Reitweise bleibt die Grundlage, dass das Pferd so trainiert wird, dass es den Reiter ohne gesundheitliche Probleme tragen kann. Allerdings gilt bei vielen Westernpferden auch das gleiche wie bei Englisch zugerittenen: Beim Bereiten wird der Wille des Tiers gebrochen.

Pferd horsemanship

Natural Horsemanship: Der Umgang mit dem Pferd ist auch auf Augenhöhe möglich, Foto: Pixabay (ensinkproductions0)

Natural Horsemanship und Rai

Hierbei handelt es sich weniger um Reitweisen, sondern vielmehr um die Art und Weise, mit dem Pferd in dessen “Sprache” zu arbeiten. Pferde haben eine feine Körpersprache, durch die sie auch mit dem Menschen kommunizieren, wir nehmen die Signale aber oft nicht bzw. falsch wahr und reagieren unangemessen. Jeder Reiter/Pferdemensch sollte sich mit Natural Horsemanship auseinandersetzen, denn ohne Kenntnisse dieser “Pferdesprache” ist kein gutes und feines Arbeiten mit dem Pferd möglich. Pat Parelli, die Ikone des Natural Horsemanship, hat ein eigenes Zaumzeug entwickelt – ein Knotenhalfter, das ohne Trense (Gebissstück) auskommt. Sein Schüler Alfonso Aguilar hat Parellis Arbeit weiterentwickelt. Auch bei ihm ist die Bodenarbeit zentral. Hier – auf Augenhöhe – entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Pferd.

Die von Fred Rai entwickelte Rai-Methode hat einen, dem Natural Horsemanship nicht unähnlichen Zugang. Im Mittelpunkt stehen die Psyche und die natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes. Es wird ohne Schmerzeinwirkung gearbeitet, also ohne Trense, Kandare (Gebissstück, dass bei unsachgemäßer Handhabung große Schmerzen und Verletzungen im Pferdemaul verursachen kann), Sporen oder Peitsche (Gerte).

Turnierreiten

Sowohl im Englisch- wie auch im Western-Reitstil streben ambitionierte Reiter zu Turnieren. Ihre Pferde streben zu den Artgenossen auf die Koppel. Mehr ist zu diesem Thema nicht zu sagen.

Internet- und Buchtipps

  • “Reiten ohne Sattel und Zaumzeug: Über Trauen und Vertrauen – Das Pegasus-System” von Karin Tillisch, ISBN: 3861275503
  • “Reiten so frei wie möglich: Gebisslose Zäumungen, Halsring und Ohne-Sattel-Reiten” von Andrea und Markus Eschbach, ISBN: 3440118023
  • www.vegetarismus.ch (Ein interessanter Artikel über eine Pferdehalterin, die mit dem Reiten aufhörte.)
  • www.parelli.com
  • www.aguilarnaturalconcepts.com
  • www.rai-reiten.de

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