Tiere in der deutschen Sprache

Sprache ist mehr als bloße Kommunikation. Sie konstruiert mitunter Wirklichkeit, beeinflusst unser Denken und Handeln, ist identitätsstiftend, transportiert Wertvorstellungen, schafft Nähe oder Distanz und kann werten. Zusammen mit dem Sprachwissenschafter Dr. Christoph Purschke, der sich unter anderem auf die Abhängigkeit von Wahrnehmung und Handeln spezialisiert hat, beleuchten wir, wie Sprache unser Denken formen kann und wie in der deutschen Lautsprache mit Tieren umgegangen wird.

Sprache und Denken

Sprache dient uns mitunter zur Orientierung in der Welt. Sie ist „anthropozentristisch“ ausgerichtet, also vom Menschen erfunden und für den Menschen gemacht. Er alleine steht dabei im Fokus.

„Sprache ist quasi das Schweizer Taschenmesser, mit dem wir uns die Welt zuhanden machen. Dementsprechend prägt die Sprache, die wir sprechen, auch unsere Sicht auf die Dinge, denen wir begegnen, genauso wie wir die Sprache durch die praktischen Zwecke, zu denen wir sie gebrauchen, prägen.“

Dr. Purschke

Sprache – Umgang mit Minderheiten

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, allem voran wenn es um den Umgang mit Minderheiten geht. Ob religiös bedingt, auf Grund einer bestimmten Hautfarbe (Rassismus), des falschen Geschlechts (Sexismus) oder wegen der Nicht-Zugehörigkeit zu der Spezies Mensch (Speziesismus). Wir neigen dazu, das was außerhalb unserer (subjektiv geschaffenen) Norm liegt, als minderwertig zu betrachten und in weiterer Folge auch so zu behandeln.

Durch sprachliche Mittel wie die Entindividualisierung und Erschaffung von Stereotypen wie „der Sklave“, „der Jude“, „die Frau“, „das Tier“ war und ist es möglich, Mitleid der Bevölkerung gegenüber den Minderheiten zu minimieren und emotionale Distanz zu schaffen. Was dann passieren kann, weiß jeder, der Geschichtsbücher gelesen hat.

Speziesismus

Es gibt eine strikte, wenn auch willkürliche, Trennung zwischen uns Menschen und allen Tieren. Obgleich der Mensch auch ein Tier ist und wir alle Lebewesen. Das moralische Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist dennoch ein immer zwiegespalteneres. Denn während wir Haustiere in unseren Breitengraden oft wie Familienmitglieder behandeln, distanzieren wir uns von „Nutztieren“ oder „Versuchstieren“, sprechen ihnen Rechte und Individualität ab.

„Die Art und Weise, wie ich über Tiere oder bestimmte Gruppen von Menschen spreche, kann Aufschluss darüber geben, wie ich über sie denke oder welche Zwecke ich ihnen gegenüber verfolge.“

Dr. Purschke

Tiere in der Sprache

„Während wir z.B. Haustiere als Individuen von den übrigen Vertretern ihrer Art unterscheiden, ihnen Namen geben, uns um ihr Wohlergehen kümmern, ihnen bestimmte Rechte zugestehen oder sogar mit ihnen sprechen (in der Illusion, sie könnten uns oder wir sie verstehen) – letztlich also einen Unterschied zwischen Mensch und Tier ein Stück weit negieren –, ist der sprachliche Umgang mit Tieren als Nutzobjekten eben davon geprägt, dass wir Tiere auch als Objekte beschreiben.“

Dr. Purschke

„Nutztiere“ scheinen, der Name sagt es schon, also ausschließlich für unseren Nutzen auf die Welt gekommen zu sein. Was wir bei unseren Haustieren als selbstverständlich ansehen, wie ihre Empfindungs- und Leidfähigkeit sowie das Besitzen einer individuellen Persönlichkeit, sprechen wir diesen Tieren, ohne darüber nachzudenken, ab.

„Das fängt bei der Kategorie Tier an, für die wir das Neutrum verwenden, geht weiter bei dem Umstand, dass wir eben Hühnern, die für den Verzehr gedacht sind, in der Regel keine Namen geben oder sie in unsere sozialen Routinen einbeziehen, das betrifft praktisch nötige Bezeichnungen für bestimmte Teile von Tieren weiter, die wir objektgleich verwenden (die Schweinshaxe vs. das Tischbein).

Dr. Purschke

Ähnlich wie im rassistischen oder sexistischen Sprachgebrauch sind es in der Mensch-Tier-Beziehung oft ganz konkrete Mechanismen, die die Abwertung durch Sprache ermöglichen. Nehmen wir zum Beispiel die Endungen: „-lich“ (positiv konnotiert, wie: niedlich) und „-isch“ (negativ konnotiert, wie kindisch). animal.fair verwendet bewusst das Suffix „-lich“ für Tierliches, während im deutschen Sprachgebrauch die Verwendung von „tierisch“ Usus ist.

Sprache und Ausgrenzung

Sprache und Ausgrenzung

Sprachliche Mittel zur Abgrenzung und teilweisen Abwertung von Tieren:

  • Abstrakte, oft abwertende Benennungen
    • Menschen gebären Kinder, das Muttertier wirft Junge.
    • Menschen essen, Tiere fressen.
    • Menschen sterben, Tiere verenden.
    • Muttertiere lieben ihre Kinder nicht, sondern haben einen Mutterinstinkt.
  • Entindividualisierung / Anonymisierung / Objektivierung / Desubjektivierung
    • So fragen wir beispielsweise: Was gibt es heute zu essen? Und nicht wen.
    • „Das Schwein“, „Der Hund“, „Die Kuh“, „Das Versuchtier“ – Sie alle sind keine Individuen in unserem Sprachgebrauch. Dabei gibt es diese Stereotypen ebensowenig wie „Den Mann“, „Die Frau“ oder „Das Kind“.
  • Euphemismen (beschönigende Formulierungen)
    • Tierversuche werden zur „biomedizinischen Forschung“ oder zum „Tiermodell“.
    • Mord wird in der Jägersprache zur „Kontrolle der Population“ und
    • „Fleisch“ wird zu einem anonymen, schön verpackten Produkt, statt ein „Leichenteil“ zu sein.
  • Satzbau und Abstraktion (Nominalisierung, Passivkonstruktionen)
    Häufig in Berichten über Tierversuche zu finden.
  • Tiermetaphern (Tiernamen als Beschimpfung von Menschen)
    „Hundsgemein“; „Schweinehund“; „versteht kein Schwein“; „einen Kater haben“; „falscher Hase“; „eine Sau sein“; „einen Vogel haben“; „zum Affen machen“; „fette Kuh“; „dumme Gans“; „Rabenmutter/Rabenvater“
  • Instrumentialisierung / Bestimmung des Lebenszweckes
    „Nutztier“; „Kutschenpferd“; „Jagdhund“; „Zirkustier“; „Pelzfarm“; „Milchkuh“; „Mastschwein“; „Legehenne/Legebatterie“

Diese Auflistung ist weder in Stein gemeiselt noch kann sie Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Wie wir mit Tieren in der deutschen Sprache umgehen und wie sehr dieser Umgang unsere Sicht auf und unseren Umgang mit Tieren prägt, ist eine komplexe Angelegenheit, zu der in Zukunft sicherlich noch mehr geforscht werden muss.

Dr. Christoph Purschke MA

Sprachwissenschafter

Forscht derzeit an der Uni Luxemburg und hatte 2016 eine Gastprofessur an der Universität Wien inne.

Mehr unter: www.purschke.info

Ein Artikel von Marina

1 Kommentar

  • kano sagt:

    sehr interessant. ich glaube aber, gelesen zu haben, dass „einen kater haben“ über „katarrh“ aus dem altgriechischen gekommen ist.