RespekTurtle: ein Gnadenhof für Schildkröten

Schildkröte
Das Thema Schildkrötenhaltung wird häufig unterschätzt, wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Tiere nicht schnurren, keine Körpernähe suchen, weinen oder schreien. Da ein artgerechtes Leben für Schildkröten und andere „Exoten“ in einem normalen Haushalt kaum zu gewährleisten ist, werden viele der Tiere aus Überforderung abgegeben oder einfach ausgesetzt. Anlässlich des heutigen Weltschildkrötentages möchten wir auf diese Problematik aufmerksam machen und freuen uns, dass Markus Putzgruber, Obmann des Vereins RespekTurtle, folgenden Gastbeitrag verfasst hat.  
Schildkröte

Spornschildkröten (Centrochelys sulcata), die drittgrößte lebende Landschildkrötenart (Foto: © RespekTurtle)

Ein Heim für Schildkröten

Mein Name ist Markus Putzgruber, bin Obmann des Vereins RespekTurtle und habe im Jahre 2016 in Seebarn am Wagram einen Gnadenhof für Schildkröten eröffnet. Bereits im Jahre 2017 fanden hier über hundert Wasser- und Landschildkröten ein neues Zuhause. Und die Anfragen nach Neuübernahmen reißen nicht und nicht ab.

Mehr und mehr Schildkröten werden in Tierheimen abgegeben. Diese sind allerdings auf Hunde, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen ausgerichtet, man kann jedoch nicht erwarten, dass sich die dort arbeitenden Pfleger mit den verschiedensten Schildkrötenarten auskennen und wissen, was die jeweilige Art benötigt. Nach der Eröffnung unseres Gnadenhofes hatten wir mit viel gerechnet, aber nicht damit, dass so unglaublich viele Schildkröten und so viele verschiedene Arten, sowohl europäische als auch subtropische, abgegeben werden. Von Alligatorschildkröten bis hin zu Weichschildkröten fanden sie alle hier eine neue Überlebensinsel. Innerhalb eines Jahres hatten wir Neuzugänge aus allen Kontinenten, die nach ihrer Ankunft natürlich tierärztlich untersucht und wenn nötig, behandelt werden.

Auch wenn es schmeckt – eine Schildkröte hat andere Bedürfnisse als Säugetiere (Foto: © RespekTurtle)

Die Problematik

Oft wissen die Menschen, die ihre Schildkröten bei uns abgeben, gar nicht, welches Tier sie da eigentlich haben. Geschweige denn, ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt. Die Pseudemys-Arten (Florida Rotbauch- oder Hieroglyphenschildkröten) etwa sehen den Trachemys sehr ähnlich, unterscheiden sich aber hinsichtlich der Haltung. Trachemys sollten z. B. bei ca. 4 °C in die Starre versetzt werden, Pseudemys bei etwa 12 °C. Schlecht geschulte Verkäufer verkaufen die Tiere dann ohne nötiges Grundwissen. Sie erzählen davon, dass sich die Schildkröten dem Aquarium anpassen, dass sie keine Landzonen brauchen und vergessen, das Licht zu erwähnen.

Selten wird auch gesagt, wie alt diese Tiere eigentlich werden können. Sehr schnell sind sie gekauft, sehr schnell verlieren die Menschen aber die Lust an diesen Tieren. Vergessen wird auch, dass es wechselwarme Tiere sind. Das heißt, die Tiere regulieren ihre Körpertemperatur nach der Außentemperatur. Des Öfteren kommen auch Tiere an, deren Panzer durchbohrt wurde, um sie anzuhängen und ein Davonlaufen zu erschweren. Der Panzer ist aber sehr stark durchblutet und die Knochenhaut besteht aus Nerven und Blutgefäßen. Ja, Schildkröten können nicht schreien, sie schnurren und bellen nicht, haben aber trotzdem, genau wie alle anderen Tiere, Schmerzen. Ein Durchbohren ist deshalb absolute Tierquälerei!

Aus klein und süß wird zu schnell zu groß (Foto: © RespekTurtle)

Der Kauf

Beim Kauf sehen wir daher das größte Problem. Schildkröten aller Art sind in der Größe einer Zwei-Euro-Münze um wenig Geld zu erwerben. Sie sehen niedlich aus und meist wird vergessen, dass sie sehr schnell groß und vor allem alt werden. Anfangs findet man sie kaum im Aquarium oder Terrarium und sind toll zu beobachten. Sehr schnell bekommt man aber mit, dass man sie schwer streicheln kann, dass es keine Schmusetiere sind und die Haltung dann doch viel Einsatz und Geld verschlingt. Wasserschildkröten wachsen sehr schnell von ein paar Gramm auf zwei bis vier Kilogramm heran. Die Aquariumhaltung wird dann praktisch unmöglich und das Tier wird zur Plage. Innerhalb weniger Tage ist das Becken verschmutzt und wenn man hineingreift, wird man gebissen, was sehr weh tun kann. Was passiert? Die Tiere werden ausgesetzt. Die Trachemys-Arten wie Gelb- und Rotwangen-, aber auch Cumberlandschildkröten wurden deshalb auf die EU-Liste der invasiven Tierarten gesetzt. Sie sollen in ganz Europa eingefangen und getötet werden.

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), die einzig heimische Schildkrötenart (Foto: Wikimedia Commons, Wolfgang Simlinger, CC0)

Dass sie die einzig heimische Schildkrötenart – die europäische Sumpfschildkröte – verdrängen, steht außer Zweifel, aber man könnte sie auch einfangen und in einen großen Teich, etwa eine aufgelassene Schottergrube, einsetzen. Man müsste sie nicht töten. Skurril ist auch, dass diese Arten verboten wurden, aber Arten wie die Graptemys (Höckerschildkröten) und Pseudemys (Florida-, Rotbauch- und Hieroglyphenschildkröten), aber auch die Chrysemys (Zierschildkröten) genauso unsere Teiche bewohnen. Aber deren Handel boomt weiter. Und so werden die nächsten Jahre noch mehr und mehr von diesen Tieren ausgesetzt und zu einem ökologischen Problem heranwachsen.

Die Unterbringung

Schildkröten sind von Natur aus Einzelgänger und treffen in ihren Habitaten meist nur zur Paarungszeit aufeinander. Sie benötigen Versteckmöglichkeiten, Sonnenlicht, frisches Wasser und sonnige Plätze, an denen sie ihre Eier ablegen können. Werden ihnen nicht die nötigen Plätze angeboten, kann es sehr leicht zu einer Legenot kommen, woran sie sogar sterben können. Dies gilt sowohl für Land-, als auch für Wasserschildkröten. Viele Menschen vergessen hier, dass auch weibliche Tiere, die ohne Männchen gehalten werden, Eier legen.

Keine noch so gute UVB-Lampe kann das Sonnenlicht ersetzen. Wir bekommen immer wieder Tiere mit verformtem oder viel zu kleinem Panzer. Dies passiert bei falscher Fütterung, fehlendem Kalzium und fehlender UVB-Bestrahlung durch die Sonne. Diese Verformungen sind irreparabel.

Schildkröte

Durch falsche Fütterung oder fehlendes Sonnenlicht kann es zu Verformungen des Panzers kommen (Foto: © RespekTurtle)

In der Natur findet man Schildkröten selten auf freien Flächen. Sie lieben es, sich zu verstecken. Darum sollte auch eine Heimtieranlage für Schildkröten so gestaltet werden, dass sich die Tiere jederzeit verstecken können. Hügel, Steine, verschiedene Pflanzen, aber niemals ein englischer Rasen sollte ihnen angeboten werden. Speziell wenn man mehrere Tiere hat, sind viele verschiedene Versteckmöglichkeiten ein Muss.

Wasserschildkröten sollten in einem Teich gehalten werden. Dieser muss aber auch ausbruchssicher sein. Diese Tiere überklettern ohne Probleme eineinhalb Meter hohe Maschendrahtzäune. Die Teiche sollten so ausgerichtet sein, dass sie den ganzen Tag über Sonne haben. Die Tiere müssen bequem aus dem Wasser klettern können, weil sonst die Gefahr besteht, dass sie ertrinken. Auch hier sollte für unterschiedliche Versteckmöglichkeiten und verschiedene Liegeflächen gesorgt werden, an denen sich die Tiere sonnen und wärmen können.

Die Größe der Tiere

Wir haben hier im letzten Jahr Tiere aus allen Kontinenten aufgenommen. Auch afrikanische Arten wie Panther- und Spornschildkröten. Diese sind die dritt- und viertgrößten Schildkröten weltweit. Spornschildkröten können in etwa ein Gewicht von 80 kg erreichen, wobei auch sie als Winzlinge zu bekommen sind. Außerdem halten sie keine Starre, weshalb im Winter dafür gesorgt werden muss, dass ein großer Raum zur Verfügung steht. Natürlich mit den modernsten UVB-Lampen, mit Trink- und Laufmöglichkeiten. Die Ausscheidungen sind der Größe des Tieres entsprechend und man sollte sich deren Kauf wirklich gründlich überlegen.

So wird die Dusche im Keller zur Wasserstelle im Winterquartier der Spornschildkröten (Foto: © RespekTurtle)

Die Gruppenzusammensetzung

Immer wieder bekommen wir Anfragen über die Zusammensetzung von einzelnen Tieren. Oft wird ein Männchen mit einem Weibchen vergesellschaftet, was das Weibchen sogar zu Tode stressen kann. Bei den Griechischen Landschildkröten ist es sehr ratsam, zu einem Männchen mindestens drei, wenn nicht noch mehr Weibchen zu setzen. Setzt man nur Männchen zusammen, funktioniert dies in der Regel auch. Vorerst gibt es zwar Rangkämpfe, die aber mit der Zeit nachlassen. Kommt aber später ein Weibchen dazu, flippen die Männchen teilweise richtig aus und es kann zu blutigen Kämpfen kommen.

Auch bei Wasserschildkröten ist es ähnlich. Hier sollte man ebenfalls die Mischung 3:1 einhalten. Wir haben schon Tiere beobachtet, die die Weibchen mit ihrem Sexualverhalten beinahe ertränkt haben.

Die Fütterung

Sehr oft sehen und hören wir, dass die Schildkröten mit Salat, Tomaten oder Obst gefüttert werden. Dies kann zu Leber- und Nierenschäden, zu Schnabelfehlstellungen und zu Panzererweichungen führen. Im schlimmsten Falle stirbt das Tier. Am Besten vertragen sie Wildkräuter oder alles Ungiftige, das bei uns auf den Feldern und in den Auen wächst. Bei diesen Kräutern passt das Kalzium/Phosphor-Verhältnis und der Zuckergehalt. Heu ist vielleicht nicht so saftig, aber in der Natur fressen Schildkröten sehr viel davon. Sie beleben karge Gebiete, wo nur wenig wächst, und damit kommen sie sehr gut aus. Kalzium sollte ihnen immer angeboten werden.

Wildkräuter schmecken doch am besten (Foto: Pixabay, Efraimstochter)

Quarantäne

Wenn Schildkröten angeboten werden, kommen häufig dutzende Kommentare von Menschen, die selbst Schildkröten haben und dieses Tier sofort zu ihrem Bestand dazu setzen möchten. Schildkröten können jedoch verschiedene Krankheiten haben, die man nicht sofort erkennt. Mykoplasmen, Herpes, Rana oder der Picornavirus kann in jedem Tier stecken. Diese Krankheiten ziehen sich in das zentrale Nervensystem zurück und brechen bei Stress (wie beim Zusammenführen von Tieren) aus. Setzt man z. B. ein Herpestier zu seinem Bestand, kann man damit rechnen, dass rasch 95 % des Bestandes infiziert sind. Viele davon werden bereits im ersten Jahr sterben.

Deshalb ist es notwendig, neu angekommene Tiere tierärztlich untersuchen zu lassen und sie unter Quarantäne zu stellen. Hat sich das Virus zurückgezogen, wird es aber auch bei der Untersuchung nicht erkennbar sein. Man sollte die Tiere also monatelang in Quarantäne halten und ihr Blut und ihren Kot alle drei Monate überprüfen lassen. Auch bei neu angekommenen Wasserschildkröten sollte der Kot untersucht werden. Verschiedene Parasiten wie Nematoden, Flagelatten, Amöben, Ziliaten oder Kokzidien können im Darm versteckt sein. Auch hier würde ein Tier die anderen anstecken. Der Kot der Tiere, egal ob Land oder Wasser, sollte vor der Winterstarre ebenfalls untersucht werden. Dies sollte aber bereits im September passieren, damit man auch Zeit hat, die Tiere zu entwurmen.

Wasserschildkröten

Bevor man Neuzugänge zu seinem Bestand aufnimmt, müssen sie in Quarantäne (Foto: © RespekTurtle)

Schildkrötenhaltung will gelernt sein

Aufgrund der Menge an ausgesetzten oder abgegebenen Tiere sehen wir großen Handlungsbedarf. Vielleicht wäre es gut, wenn man sich für die Haltung dieser Reptilien vorerst anmelden, danach eventuell eine Zeit lang warten sollte und in dieser Zeit eine Art Schildkrötenführerschein machen müsste, wo man die Grundkenntnisse für die Haltung dieser Tiere erlernt.

In den letzten Jahren hat sich jedoch auch einiges bewegt. Schildkröten dürfen nicht mehr an sogenannten Exoticas angepriesen werden, was die Zahlen der Spontankäufe verringert. Dazu müssen in Fachgeschäften beim Kauf einer Schildkröte Haltungs- und Ernährungspläne mitgegeben werden. Trotz allem gibt es ein großes Problem: Nur etwa zwei Prozent der abgegebenen Tiere, die hier aufgenommen werden, haben Papiere. Sie wurden also irgendwo von Privatpersonen bezogen und nicht gemeldet. Hier denken wir, dass es gut wäre, wenn schon der Züchter den Verkauf von Wasser- und Landschildkröten melden müsste. Somit würde man wissen, wo die Tiere landen und ein Aussetzen würde erschwert werden.

So lässt es sich artgerecht leben: Auch Landschildkröten brauchen Wasser (Foto: © RespekTurtle)

Jedenfalls reißt die Anfrage nach einer Übernahme von Schildkröten nicht ab. Leider ist unser Grundstück begrenzt, aber wir suchen bereits nach einem weiteren, wo wir noch mehr Tieren ein glückliches und artgerechtes Leben bieten können. Das Thema Schildkröten ist ein bei weitem unterschätztes, wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Tiere nicht schnurren, keine Körpernähe suchen, weinen oder schreien. Wir brauchen hier in Österreich dringend mehr Auffangstationen für diese wundervollen Schildkröten. Ansonsten werden bald die nächsten Arten auf der Liste der invasiven Tierarten aufscheinen.

RespektTurtle

Der Verein RespekTurtle hat sich zum Hauptziel gesetzt, ausgesetzte oder nicht mehr gewollte Schildkröten zu vermitteln oder ihnen eine Überlebensinsel zu bieten. Auf Artenschutz wird großer Wert gelegt und so soll auch die einzige in Österreich lebende Schildkröte (Emys orbicularis), die europäische Sumpfschildkröte, geschützt und gerettet werden.

www.respekturtle.at

Ein Artikel von animal.fair

1 Kommentar

  • Andrea Pohl sagt:

    Liebes Team, ich finde eure Arbeit klasse!
    Ich arbeite seit vielen Jahren im Tierschutz, hauptsächlich mit Hunden. Habe aber auch drei Streunerkatzen aufgenommen, drei Sumpfschildkröten wurden mir nach und nach über den Zaun geworfen und vier Landschildkröten haben ihr Zuhause bei mir gefunden (die auch niemand mehr wollte)
    Darf ich euch besuchen kommen? Nur mal zum Erfahrungsaustausch…
    Ganz liebe Grüße Andrea Pohl