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London Calling: Ein Besuch im Herzen der Tierrechtsidee (1)

Was macht London für Tierrechts-affine Menschen so besonders? Was hat es, was andere Städte nicht haben? Die britische Metropole atmet Geschichte; Geschichte, die in die Gegenwart einfließt. Die Tierrechtsidee ist hier in Stein gemeißelt, wie zwei Denkmäler zeigen, die zum Nachdenken anregen und das Herz berühren. Alexander Willer nimmt uns mit auf seine Reise auf den Spuren der Tierrechte.

(Foto: © Alexander Willer)

Eine Statue für einen gequälten Hundehelden

“The question is not, Can they reason?, nor, Can they talk?, but, Can they suffer?“(1) Es geht nicht darum, ob Schweine Platon verstehen, oder Hunde ein Sonett von Shakespeare vortragen können. Es geht einzig und alleine um die Leidensfähigkeit von Tieren. Mit diesem philosophischen Ansatz leitete der Londoner Jurist und Sozialreformer Jeremy Bentham um 1780 die moderne Tierrechtsidee ein. Ein Meilenstein war gesetzt.

Mehr als 160 Jahre später pflanzte Donald Watson, ein Mann aus dem ländlich geprägten Yorkshire, einen weiteren ethischen Wegweiser. Er hatte die traurigen Tierschicksale hinter der idyllischen Fassade der Milchindustrie selbst miterlebt und kam zur Erkenntnis: “We can see quite plainly that our present civilisation is built on the exploitation of animals, just as past civilisations were built on the exploitation of slaves…“(2) Im November 1944 gründete er mit seiner Frau und vier Freunden die Vegan Society, um dieser Sklaverei an Mitlebewesen entgegenzuwirken. Watsons Veganismus wurzelte zwar historisch im Vegetarismus, stellte aber eine Fortentwicklung dar, in der alle tierlichen Produkte aus Respekt und Mitgefühl vor Tieren weggelassen wurden.

Bentham und Watson haben zum Bewusstseinswandel viel beigetragen und England zum Mutterland der Tierrechtsidee gemacht. Doch es gab und gibt noch andere Pioniere. Ende August 2017 machte ich mich in London auf die Spurensuche nach zwei Denkmälern mit starker Aussagekraft.

Brown Dog Statue

Die Brown Dog Statue im Batterfield Park heute… (Foto: Alexander Willer)

Bei spätsommerlicher Sonne begab ich mich per pedes, U-Bahn und Bus über die Chelsea Bridge südlich der Themse. Ab und zu fielen ein paar Nieseltropfen. Lichtstrahlen und Tränen von oben – abwechselnd. Die Witterung war genau passend, um der Statue eines kleinen Hundehelden im Battersea Park meine Aufwartung zu machen. Im weitläufigen Areal der Grünanlage erwies es sich nicht einfach, sie auf Anhieb aufzuspüren. Erst die Wegbeschreibung eines Fahrradpolizisten führte mich hin zu einem schmalen, gewundenen Seitenweg beim Old English Garden, wo ein laut kraxelndes Eichhörnchen im Schutz der Blätter mein Erscheinen misstrauisch beäugte. Bringt der Zweibeiner Leckerli oder Gefahr? To put it in a nutshell, ich grüßte den kleinen Nager freundlich und widmete mich alsdann eingehender der Frage, warum hier eine Hundebronze steht.

Im Februar 1903 beobachteten zwei schwedische Feministinnen (Lizzy Lind-af-Hageby und Leisa K. Schartau), wie am University College London unter dem Gelächter der Medizinstudenten ein kleiner Hund bei lebendigem Leib seziert wurde. Vivisektion ohne Betäubung war verboten. Dennoch: Die Ärzte „stimulierten“ den Hund mit Stromstößen, ehe ihm die Bauchspeicheldrüse entnommen und er mit einem Herzstich getötet wurde. Den letzten Akt führte ein späterer Nobelpreisträger aus.

…und von 1906-1910 (Foto: Wikimedia Commons)

Als die beiden Damen das Horrorszenario publik machten, war die öffentliche Empörung groß. Einen Gerichtsprozess gegen den „honorigen“ Versuchsleiter, der sich in seiner Reputation gekränkt sah, verloren sie. Das Herz vieler LondonerInnen hatten sie hingegen gewonnen. 1906 wurde dem Brown Dog im Battersea Park ein Denkmal errichtet – unter dem Beisein von George Bernard Shaw. Die Inschrift forderte ein Ende aller Tierversuche: „Men and women of England, how long shall these Things be?“.(3)

Medizinstudenten fühlten sich vom Denkmal provoziert. Es kam zu Akten des Vandalismus, weshalb die Brown-Dog-Statue Tag und Nacht unter Polizeischutz stand. Am 10. 12. 1907 eskalierte die Situation, als sich etwa 1.000 Studenten mit Suffragetten, Gewerkschaftern und TierversuchsgegnerInnen eine Straßenschlacht lieferten. Im März 1910 wurde die Statue in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Polizei entfernt und späterhin eingeschmolzen. Die Stadtverwaltung scheute weitere Zusammenstöße der verfeindeten Lager.

Doch der Brown Dog sollte nicht ganz im Vergessenheit geraten. Am 12. Dezember 1985 wurde ihm zum Gedenken ein neues Memorial eröffnet – mit einer Bronze der Künstlerin Nicola Hicks. Allerdings ist dieses Denkmal im Battersea Park gut „versteckt“. Möglicherweise um dem kontroversiellen Thema Tierversuche im öffentlichen Raum aus dem Weg zu gehen. Ich hatte den Weg gefunden, was zeigt, dass Totschweigen nicht funktioniert.

Quellen:

(1) Jeremy Bentham in: “Of the Limits of the Penal Branch in Jurisprudence“ (1780/82), Ch. 17
(2) Donald Watson in: „Vegan News“, nº1, November 1944
(3) https://en.wikipedia.org/wiki/Brown_Dog_affair

Lest morgen an dieser Stelle Teil 2: „Sie hatten keine Wahl“: Das Denkmal der gefallenen Tiere

Ein Artikel von Alexander