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Tierversuche – sinnvoll in der Medizin?

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Sind Tierversuche tatsächlich Steinzeitmethoden, die aus Gewohnheit, weil eine mächtige Lobby dahintersteht und sie oft kostengünstiger als alternative Testverfahren sind, praktiziert werden? In der Tat wenden sich immer mehr Wissenschafter und Mediziner gegen Tierversuche. Und auch immer mehr Studierende wollen während ihrer Ausbildung nicht an lebenden Tieren experimentieren, sondern etwa an künstlichen Modellen, wie es sie ja bereits gibt. Zahlreiche Studien kommen zu dem Schluss, dass Tierversuche nicht auf den Menschen übertragbar sind.
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Bittere Pillen für Mensch und Tier? (Foto: Pixabay, Pexels)

Wissenschafter gegen Tierversuche

Eine Anfang 2013 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift International Journal of Medical Sciences veröffentlichte  Studie sieht Tiere nicht als geeignete Modelle in der humanmedizinischen Forschung: www.medsci.org. Eine weitere im Jahr 2006 von WissenschafterInnen des “Medical Research Modernization Committee” veröffentlichte Untersuchung betrachtet Tierversuche äußerst kritisch. Interessant ist auch die Auflistung an Gründen, warum Tierversuche nach wie vor gängige Praxis in Wissenschaft und Forschung sind. Die Studie kann hier sogar in deutscher Version heruntergeladen werden: www.mrmcmed.org

Auch die im deutschsprachigen Raum bekannte Organisation “Ärzte gegen Tierversuche” vertritt die Ansicht, dass die präklinische Testung von Arzneimitteln an Tieren eine falsche Sicherheit vermittelt, da diese Tests nicht gewährleisten könnten, dass die getesteten Medikamente beim Menschen tatsächlich unbedenklich angewendet werden können. Das Argument, man brauche einen kompletten Organismus für die Entwicklung von Medikamenten, sei nicht haltbar, da tierische nun einmal keine menschlichen Organismen sind. Die Reaktion auf Inhaltsstoffe kann selbst bei Tieren unterschiedlicher Arten ganz verschieden sein.

Überraschungen trotz Tierversuche

Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die von den zuständigen Behörden für den Verkauf in der Apotheke zugelassen wurden und dann aufgrund von Problemen, welche tierexperimentell nicht vorausgesehen wurden, wieder aus dem Verkehr gezogen oder zumindest im Gebrauch erheblich eingeschränkt werden mussten. Nachfolgend nur zwei Beispiele für viele:

  • Insulin: Die Substitionstherapie mit Insulin, auf die Millionen von Diabetikern angewiesen sind, ist 1921 durch Versuche mit Hunden ermöglicht worden. Hätte man damals statt der Hunde Meerschweinchen gewählt, würden vielleicht noch heute viele Typ-1-Diabetiker schon als Kinder versterben. Im Meerschweinchen bewirkt Insulin nämlich angeborene Missbildungen, die die Anwendung beim Menschen vermutlich verhindert hätte.
  • Thalidomid: Dieses Schlafmittel war nach Tierversuchen an Mäusen und Ratten als unbedenklich beurteilt worden. Thalidomid (Contergan), als Beruhigungsmittel für Schwangere empfohlen, führte jedoch Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre zu schweren Fehlbildungen im Mutterleib.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie schwierig die Beurteilung der tatsächlichen Relevanz von Tierversuchen in der medizinischen Forschung ist. (Siehe dazu auch: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at)

Links

  • www.aerzte-gegen-tierversuche.de (Die Organisation hat mehre hundert Mitglieder, vor allem ÄrztInnen und WissenschafterInnen aus der Medizin und dem Gesundheitsbereich. Sie ist unabhängig von der Pharmaindustrie und von Universitäten und setzt sich aus ethischen UND medizinischen Gründen gegen Tierversuche ein. Die Homepage bietet eine Fülle von sachlich fundierten Informationen rund um Tierversuche.)
  • www.aerztefuertierschutz.ch (Die Schweizer Organisation “Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin” ist eine Vereinigung von Ärzten der Human-, Veterinär- und Zahnmedizin, die Tierversuche kritisch hinterfragt und sich für Alternativen einsetzt.)
  • www.satis-tierrechte.de (Das Projekt SATIS des “Bundesverband Menschen für Tierrechte” setzt sich für eine universitäre Ausbildung ohne Tierversuche ein und versteht sich als Anlaufstelle für Studierende, Dozenten und Hersteller alternativer Lehrmaterialien. Aufgezeigt werden u.a. innovative und pädagogisch hochwertige humane Lehrmethoden, die konservativen Kursangeboten in nichts nachstehen, teilweise sogar besser geeignet sind.)
  • www.interniche.org (Das “Internationalen Netzwerk für humane Ausbildung” ist eine weltweit agierende Organisation, die sich für die Einführung tierverbrauchsfreier Lehrmethoden in der universitären Ausbildung einsetzt. Derzeit arbeiten Studierende und Hochschullehrer aus mehr als 20 Ländern mit.)
  • www.eceae.org (Die “Europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen”, kurz ECEAE, ist Europas führender Zusammenschluss von Organisationen, die sich die Abschaffung der Tierversuche zum Ziel gesetzt haben – aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen. U.a. geht die Zertifizierung von tierversuchsfreien Kosmetikprodukten gemäß dem Humane Cosmetics Standard (entspricht dem Leaping Bunny) auf die Initiative von ECEAE-Teilnehmerorganisationen zurück.)
  • www.tierversuchsgegner.at (Auch die österreichische Organisation “Internationaler Bund der Tierversuchsgegner”, kurz IBT, bietet auf ihrer Website eine Fülle von Informationen rund ums Thema, vor allem auch mit Österreich-Bezug.)

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