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Der Wolf als Inspiration und Lehrmeister

Wolf
„Ich bin ein Wolfaholic“, gesteht die deutsche Autorin Elli H. Radinger, die Anfang der 1990er ihren sicheren Beruf als Anwältin an den Nagel hängte, um dem Ruf der Wildnis zu folgen. Seither gilt ihre Neugier und Leidenschaft den Wölfen. Intensive Forschungstätigkeit im Yellowstone National Park, der Serengeti Amerikas, hat sie zu einer intimen Kennerin und Versteherin Isegrims gemacht. Ihr jüngstes Buch „Die Weisheit der Wölfe“ ist ein überzeugendes Plädoyer für den vorurteilsfreien Umgang mit dieser faszinierenden Spezies.
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Zärtlichkeit und Familienbande (Foto: © Gunther Kopp)

Gehört auch ihr zu jenen Menschen, die ein Lächeln auf den Lippen haben, so oft sie einen Hund sehen? Die vor Faszination tief durchatmen, wenn das Wort Wolf fällt? Nun, vielleicht stammt ihr auf sozialer Ebene nicht vom Affen ab, sondern habt lupine Vorfahren.

Elli Radinger schreibt, dass uns Wölfe in mancher Hinsicht viel ähnlicher sind als die evolutionär weit näher verwandten Schimpansen, z.B. was die Behandlung verletzter oder älterer Familienmitglieder angeht. Entgegen einer landläufigen Irrmeinung werden diese aus dem Rudel nicht ausgestoßen, sondern mitversorgt. Wölfische Best Agers sind aufgrund ihrer Jagderfahrung sogar hochgeschätzt.

Führung nach dem Wolfsprinzip

Besonders dankbar bin ich Elli Radinger, dass sie mit dem „Alpha“-Mythos aufräumt, der in Gruppenführungsseminaren gegen teures Geld immer wieder verzapft wird. Dabei wird Dominanz gepredigt, oft simples Bossing. Nichts liegt ferner von der Gruppendynamik wildlebender Wölfe als diese Seminare.

Die Hierarchien wilder Wölfe sind situationsangepasst. Wenn keine Gefahr droht oder keine Jagd ansteht, können Jungtiere und Welpen sich viele Freiheiten herausnehmen, spielen und trödeln, ohne dass sie zurechtgestutzt werden. Droht hingegen Gefahr, bringen Leitwölfe eine stille Autorität ein, übernehmen Verantwortung, zeigen mentale Stärke und soziale Intelligenz. Das Rudel lebt nach klaren Vorgaben und eingeübten Ritualen. Jeder hat seinen Platz und Wert.

Der „Alpha-Mythos“ entstand hingegen aus der Beobachtung von Gehegewölfen. „Sie leben wie die Insassen eines Gefängnisses. Sie haben keine Möglichkeit, abzuwandern oder sich zu paaren; auch jagen dürfen sie nicht Ihr Sozialverhalten entspricht nicht im Entferntesten dem einer freilebenden Wolfsfamilie.“ 9.000 Quadratkilometer Wildnis in Yellowstone sind eben etwas anderes als ein paar Quadratmeter Zoo.

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Wölfe verfügen über eine reiche Körpersprache (Foto: © Gunther Kopp)

Höre nie auf zu spielen!

Wölfe, auch Erwachsene, lieben das Spiel. Elli Radinger beobachtete, wie sie mit dem Po schneebedeckte Hügel runterrutschten, mit leeren Getränkebehältern und anderem Zivilisationsmüll herumhüpften, einander nachliefen, Verstecken oder Tauziehen spielten. Eine gelangweilte Wölfin pflückte sogar Tannenzapfen. Forscherkollege Günther Bloch beschreibt kanadische Wölfe, die bei Banff Campingutensilien bzw. einen entsorgten Autoreifen stahlen und gemeinsam ‚erlegten‘. Das lebenslange Spielen dient Kommunikation, Training, Verfestigung sozialer Bindungen und nicht zuletzt der Selbstkontrolle – wer zu stark zwickt oder zu ruppig agiert, wird zurechtgewiesen.

Die Arien der Wildnis

Wann und warum Wölfe heulen, ist noch nicht restlos erforscht. Fest steht, dass sie ihre kehligen Gesänge als Ritual vor dem Aufbruch zur Jagd anstimmen, aber auch bei Trauer oder zur akustischen Revierabgrenzung. Als Elli Radinger 1991 in den eisigen Wäldern von Minnesota ihren ersten Wolfschor hörte, kroch ihr dieser Klang bis ins Herz. Aus allen Windrichtungen fielen die Wolfsstimmen ein, einige sonor und dunkel, andere hell und hysterisch jubelnd. „Es war, als wäre ich gleichzeitig in Verona, der Mailänder Scala und der Metropolitan Opera“, schreibt sie. Dieser anekdotische und humorvolle Stil macht „Die Weisheit der Wölfe“ überaus lesenswert.

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Teamgeist durch Gruppengeheul (Foto: © Gunther Kopp)

Die Symbiose zum Raben

Schon die alten Geschichten der Native Americans berichten von dem engen Band, das Wölfe und Raben verbindet. Elli Radinger sah dieses symbiotische Verhalten mit eigenen Augen. Bereits im Welpenalter werden Wölfe durch Raben geprägt, weshalb sie die Vögel als eine Art ‚Haustier‘ betrachten. Raben gucken neugierig in den Wolfsbau oder sind emsig damit beschäftigt, Kot und Knochenreste aus der Wolfsnahrung in das eigene Nest zu tragen. Späterhin necken sie Jungwölfe durch Zwicken in die Rute und andere Spiele. Raben signalisieren durch Krächzlaute, wo ein Kadaver liegt oder wenn Gefahr in Form von Mensch, Grizzly oder Puma naht. Als Gegenleistung öffnen die Wölfe die dicken Häute von Beutetieren, was Raben mit ihren Schnäbeln nicht zuwege brächten. Nahrung für beide. Symbiose.

Eine Wölfin im Lamar Valley, Yellowstone, wurde sogar beobachtet, wie sie einen toten Raben forttrug und in ein Schneeloch legte. Beerdigung für einen Freund?

Reich an liebevollen Anekdoten

„Die Weisheit der Wölfe“ bringt eine Vielzahl an Anekdoten zu Papier, etwa wie Elli Radinger durch den Kuss des Wolfes Imbo zu ihrem Forschungspraktikum kam. Einige „Charakterwölfe“, wie ich sie nenne, werden beschrieben: z.B. Leitwolf 21, der es nie nötig hatte, einen Rivalen zu töten. Der schwarzfellige Casanova, Luftikus und Fähenliebling zugleich. Oder Wölfin 06, genannt She-Wolf, die emanzipierte Leitfähe schlechthin. Man erfährt, dass Wölfe auch bellen können, und was die Körperhaltung beim Urinieren über die Stellung im Rudel besagt.

Besonders berührt haben mich die Zeilen über das LARC bei Los Angeles, ein Asyl für misshandelte Wölfe und Wolfshybriden, in dem seelisch geschädigte Kriegsveteranen der US-Streitkräfte mithelfen dürfen. Mensch und Wolf auf gemeinsamer Wundheilung.

Zeit für ein neues Wolfsbild

Elli Radinger kommt zur sokratischen Erkenntnis, dass sie erkennt, wie wenig sie weiß, je mehr sie über Wölfe erfährt. Mir bot „Die Weisheit der Wölfe“ viele interessante neue Details. Und es half mir ein Stück mehr, den Wolf als das zu begreifen, was er ist: kein Streicheltier aus einem Disney-Film und schon gar kein bösartiges Ungetüm aus dem Märchen, sondern ein sehr soziales, hochintelligentes, faszinierendes Wildtier, das eine Bereicherung für das Ökosystem und für uns Zweibeiner darstellt.

„Homo homini lupus“ („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“), formulierte der Philosoph Thomas Hobbes. Nach der Lektüre dieses Buches muss man sagen: Leider nicht…!

Ankündigung

Elli Radinger hält am 27. Juni in Wien einen Vortrag (Bild: © www.elli-radinger.de)

Die Weisheit der Wölfe

Elli H. Radinger
Ludwig Buchverlag (2017)
ISBN: 978-3-453-28093-9
20,60 €

 

Website von Elli H. Radinger:
www.elli-radinger.de

Ein Artikel von Alexander