Zirkus – ein europäisches Kulturgut?

Staunende Kinder, lachende Gesichter, eine runde Manege, rote Vorhänge und Menschen wie Tiere, die Außergewöhnliches darbieten. Und sogar Erwachsene, die gebannt in die Arena blicken. Eine Zirkusdarbietung hautnah zu erleben, scheint ein Fest für Jung und Alt, für die ganze Familie schlechthin zu sein. Doch sind Tiervorführungen wirklich ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Erlebnisses?
Zirkustiere

Rechtfertigt europäisches Kulturgut die Ausbeutung von Tieren? (Foto: Pixabay, jacqueline macou)

Freude und Leid nah beieinander

Regelmäßig sehe ich farbenfrohe, mit künstlerischer Hand gestaltete Plakate, die sich von der konventionellen Plakat- und Werbekultur abheben. Meist mit einem Clown im Vordergrund, der einen immer einladend anlacht, im Hintergrund des Plakates dann Tiere auf Podesten und Akrobaten und Akrobatinnen auf Seilen und Trapezen. Selbst war ich war noch nie im Zirkus. Ich kenne die Vorführungen als Kind vom TV, wie “Stars in der Manege“ oder aus Filmen. Trotzdem ist mir schon damals aufgefallen, dass es den Zirkustieren nicht gut geht. Sie agieren, reagieren und ganz sicher empfinden sie anders in der Manege als die menschlichen Akteure und Akteurinnen. Das Knallen der Peitschen, das beschwerliche Springen auf Podeste, Bälle und Schaukeln oder das langsame Aufrichten auf den Hinterbeinen und sogar Vorderbeinen hatten so gar nichts mit dem zu tun, was Unterhaltung letztlich vermitteln möchte: Leichtigkeit, gute Laune und Spaß für alle. Das Leid, die Mühsal, die Anstrengung bis hin zum ständigen Erschrecken durch erhobene Stöcke und schnalzende Peitschen war den Tieren anzumerken.

Nicht nur Wildtiere müssen im Zirkus auftreten. (Foto: Pixabay, Céline Martin)

Als Kind litt ich mit den Elefanten. Ihr Haupt war zum Boden gesenkt, der Blick gebrochen, das Lebendige, jegliche Lebensfreude schienen den Tieren abhandengekommen zu sein. Zeitweise ließ ich mich durch das Können und die Sensation derart blenden, dass ich die Schicksale und das Leiden dieser Tiere immer wieder auszublenden vermochte. Fatal für Kinder, deren Bewusstsein und Sensibilität sich bereits in jungen Jahren prägt. Gleichgültigkeit hemmt jedwede Entwicklung der Sensibilität gegenüber Tieren. Unsere Gesellschaft pflegt zudem eine kollektive Beschwichtigungskultur. Tierleid wird oft klein geredet, sei es, um mit der Schwere und dem Ausmaß des Leidens umgehen zu können oder, um Tierleid generell fernzuhalten und auszublenden. Oder einfach, um sich der Verantwortung zu entziehen.

Elefanten, Zebras, bis hin zu Raubkatzen in allen Varianten, Seehunde, Schlangen, Krokodile, Bären, Giraffen, Nashörner, Nilpferde, Affen, Riesenschlangen bis hin zu sogenannten Haustieren wie Hunde, Katzen, aber auch Ziegen, Esel, Schweine, Tauben, Papageien, etc. bleiben von der Lust zur Dominanz sowie der Schau- und Unterhaltungslust nicht verschont. Zudem sind Tiere kostengünstig. Keine Personalkosten, kaum bis keine Freiflächen oder Auslauf und bei schwerwiegenden oder irreversiblen Verletzungen werden viele Zirkustiere nicht gesund gepflegt, sondern eingeschläfert.

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Alles andere als eine artgerechte Umgebung für Elefanten. (Foto: Wikimedia Commons, Usien, CC BY-SA 3.0)

„Big Gandhi“

Die Tiere verbringen oft ihr ganzes Leben lang in den Zugwägen und in den kleinen geschlossenen mobilen Ställen. Der “Auslauf“ ist zeitlich und räumlich begrenzt und beim Gastieren neben dem Zelt angelegt. 50 Jahre ist der älteste “Zirkuselefant“. Bereits in Gefangenschaft geboren, Vorder- und Hinterbeine angekettet, erlebte “Big Gandhi“ nie, wie es sein kann mit seinen Artgenossen hunderte Kilometer unter blauen Himmel durch die freie Natur zu streifen. Was für ein unwürdiges und trauriges Dasein in Anbetracht der gewaltigen Naturlandschaften Afrikas und Indiens, dessen Vorfahren über Jahrtausende dort lebten. „Circus Afrika ist einer der rücksichtslosesten Zirkusbetriebe des Landes,“, so Dr. Yvonne Würz, Fachreferentin für Tiere in der Unterhaltungsbranche bei PETA, „und bereits dutzendfach negativ aufgefallen. Immer wieder setzt sich der Zirkus über behördliche Vorgaben und das Tierschutzgesetz hinweg“.

Die Löwen von Mysore

Erstmals war ein dressierter Löwe 1831 in Paris zu sehen (“Die Löwen von Mysore“). Ein durchschlagender Erfolg, der leider den Weg zu weiteren Tierdressuren ebnete. Auch in anderen Städte und Ländern hielt die Zirkus-“Kultur“ Einzug: England, Deutschland, USA.

In nahezu hundert Jahren etablierten sich zahlreiche Unternehmen und mutierten zu regelrechten Zirkus-Dynastien, die teilweise auch noch nach hundert Jahren bestehen und von einer Generation zur nächsten weitergeführt werden.

In der DDR hatten in den 1950er Jahren Zirkusvorstellungen eine herausragende Stellung. Das Kulturangebot war an vielen Orten nicht umfangreich, umso mehr etablierten sich Zirkusvorstellungen in allen Facetten. Die verstaatlichten Zirkusse (Barlay, Busch und Aeros) verzeichneten darauf hin mehr Besucher als alle Theater der DDR zusammen.

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Wildtiere im Zirkus: In Österreich verboten, in Deutschland nicht. (Foto: Pixabay, Clarence Alford)

Tierdressur als europäisches Kulturgut?

Das Europäische Parlament in Brüssel verabschiedete 2005 eine Entschließung, die den Rang des Zirkus als europäisches Kulturgut bekräftigte. Die Mitgliedstaaten wurden mit der Entschließung aufgefordert, den Zirkus als Teil der Kultur Europas anzuerkennen. U.a. wurden schulische und berufliche Bildung sowie Arbeitsbedingungen bei Zirkusmitarbeitern und Sicherheitsnormen für Zirkuszelte und andere mobile Zirkuseinrichtungen darin angeführt. In den einleitenden Bemerkungen wurde jedoch klargestellt, dass der klassische Zirkus „einschließlich der Tiervorführungen“ gemeint ist. Auf gesellschaftspolitischer Ebene leider kein Befreiungsschlag für die Tiere im Zirkus.

Allein in Deutschland touren um die 300 Zirkusunternehmen unterschiedlicher Größe – angefangen von kleinen Familienzirkussen bis hin zu mittelständisch geführten Zirkusunternehmen mit viel Personal, Material und Tieren. In Österreich sind seit 2005 wenigstens Wildtiere im Zirkus verboten. (Auch ausländische Zirkusse dürfen mit Wildtieren hierzulande nicht auftreten.) Weitere EU-Länder sind diesem Beispiel gefolgt, Deutschland allerdings nicht.

Zirkus geht auch tierleidfrei (Foto: Pixabay, Alexas_Fotos)

Tierausbeutung per se entgegenzuwirken ist ein gesellschaftspolitischer Auftrag, den wir alle zu erfüllen hätten. Würden u.a. Eltern und LehrerInnen z.B. bereits in der Schule ihre Verantwortung gegenüber Kindern bezüglich Ethik und Bildung wahrnehmen, könnte man das Tierrechtsbewusstsein schon in jungen Jahren verankern. Ein zentraler Bildungsauftrag eines jeden Lehrers und Lehrerin wäre, Tierausbeutung per se nicht mittragen und mitverantworten zu wollen. Werkzeuge, um eine aufrichtige Tier-Mensch-Beziehung zu kultivieren, gäbe es genug: Bildungsaufträge, die den Stellenwert von z.B. Nationalparks, Naturreservaten, Umweltschutz- und -bildung bemessen, Tierbeobachtung anhand ethisch korrekter Natur- und Tierfilmdokumentationen, praktizierter Aktivismus, Konsumverantwortung lehren, Absolvierung von Projektwochen an z.B. Lebenshöfen (früher sog. „Gnaden“-höfe), etc. – einen gut gemeinten Besuch im Zoo oder im Tiere-Zirkus zähle ich nicht dazu.

Apropos “Manege frei!“: Applause für Griechenland, Zypern, Malta und Bosnien-Herzegowina! Dort sind seit kurzem nämlich alle Tierdarbietungen verboten, auch für Pferde, Hunde und andere Tiere.

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Ein Artikel von Kurt