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Von Tomatenfischen und Fischgemüse

Die steigende Bedeutung nachhaltiger Lebensmittelproduktion zur Sicherung der Welternährung ist eine der drängendsten globalen Herausforderungen der Gegenwart. Ein Ansatz, der in diese Bresche schlagen will, ist Aquaponik: ressourcenschonend, emissionsarm, produktionssteigernd und kostensparend. Zu schön um wahr zu sein?

(Foto: Pixabay, Sirawich Rungsimanop)

How to Aquaponik

Das Wort “Aquaponik“ setzt sich aus den Begriffen der Aquakultur (kontrollierte Aufzucht von im Wasser lebenden Organismen z.B. in Becken oder Tanks) und Hydroponik (Pflanzenzucht in Nährlösungen ohne Erde) zusammen. Bei der Aquaponik verbindet man also den Kreislauf der Fischzucht mit jenem der Pflanzenproduktion.

In der kommerziellen Tier- und Pflanzenzucht wird etwa eine Pflanzen- oder Fischart aus dem Ökosystem entnommen, um dann in großen Mengen gehalten zu werden – abgetrennt von deren natürlicher Lebensgemeinschaft.

Weil der natürliche Kreislauf dadurch unterbrochen ist, muss der Mensch regulierend eingreifen. Werden zum Beispiel die von Fischen produzieren Fäkalien nicht entsorgt, sondern etwa in angrenzende Gewässer eingetragen, kann das zu einer Eutrophierung (Überangebot an Nährstoffen) führen, wodurch es zur massenhaften Vermehrung von Algen, Bakterien und Plankton kommt, die das Gleichgewicht des Gewässers stören. Im schlimmsten Fall kann das Gewässer „kippen“, was zum Tod aller seiner Bewohner führt, die auf Sauerstoff angewiesen sind.

(Foto: Wikimedia Commons, Ryan Somma, CC BY-SA 2.0)

Auf Seiten der Pflanzenproduktion werden auf großen Feldern massenhaft Nutzpflanzen angebaut, welche industriell hergestellten Dünger und große Mengen an Wasser zum Wachsen benötigen. Weil der Dünger wasserlöslich ist, gelangen Teile davon wiederum in angrenzende Gewässer und führen dort zur Eutrophierung.

In der Aquaponik versucht man durch parallele Zucht von Pflanzen und Fischen, den menschlichen Eingriff zu verringern, indem sie den natürlichen Kreislauf kopiert. Aquaponik nutzt die Synergieeffekte zwischen Fischhaltung und Pflanzenbau, um den Zukauf von Stickstoffdünger zu minimieren und Kosten bei der Abwasserentsorgung einzusparen. Technischer Vorreiter in Deutschland ist das geförderte Projekt “Tomatenfisch“ des Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), bei dem gleichzeitig Fische und Tomaten produziert werden können.

Wirtschaftliche Bedeutung der Aquaponik

Betrachtet man das System Aquaponik aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, lassen sich folgende positive Aspekte anführen:

  • Einsparungspotential bei Düngereintrag und Abwasserentsorgung
  • Gute Leistungsbilanz, auch im Vergleich zur klassischen Landwirtschaft
  • Anbau ganzjährig möglich, Unabhängigkeit von Wetterereignissen
  • Entstehender Filterschlamm kann zur Erzeugung von Biogas oder Humus verwendet werden.

(Foto: Pixabay, Sasin Tipchai)

Ein geschlossenes System verhindert auch den Eintrag in angrenzende, natürliche Gewässer. Die Kreislaufanlage hat jedoch auch ihre negativen Aspekte:

Ein geschlossener Kreislauf bedeutet, das einmal ausgebrochene Krankheiten alle Teile des Systems infizieren. Recht häufig kommt es dazu in den sogenannten Eigenbau-Anlagen, deren einfache Handhabung im Internet gerne propagiert wird. Doch für eine effiziente Umsetzung benötigt man viel Wissen, Zeit, Feingefühl und nicht zuletzt Geld.

Wird bei Aquaponik-Anlagen nicht auf alternative Lösungen wie z.B. Solarenergie gesetzt, verbrauchen sie massiv künstliche Energie. Es benötigt enorme Technologie-Lösungen und Umweltkontrolle, um die benötigte Rückführung und die Wasser- und Umgebungstemperatur zu erzielen. Potenzielle Fehlerquellen wie zum Beispiel Stromausfall, Verstopfung des Leitungssystems oder unbemerkter Schädlingsbefall können zum vollständigen Verlust des Fischbestands führen.

Aquaponik-Kennzeichung

Spannend wird es auch bei der Kennzeichung von Aquaponik-Gemüse. Nicht jede/r KonsumentIn will unwissentlich Fischgemüse auf dem Teller haben. Fest steht jedenfalls, dass eine Bio-Zertifizierung der Aquaponik-Fische in Österreich aufgrund der derzeitigen Vorgaben für die Haltung gemäß Bio-Verordnung nicht möglich ist, da in einem solchen Fall die Becken für die Fischzucht mit natürlicher Vegetation ausgestaltet sein müssen. Auch haben Behörden noch wenig Erfahrung in der Genehmigung solcher Anlagen, weshalb Neueinsteiger mitunter mit großer Skepsis und hohen Auflagen zu rechnen haben, warnt die Landwirtschaftskammer NÖ.

(Foto: Pixabay, Tran Anh)

Echtes Synergiepotenzial?

Aquaponik wird als platzsparende, energieeffiziente und nachhaltige Methode zur Lebensmittelproduktion angepriesen. Was bei dieser Betrachtungsweise jedoch vollkommen außer Acht gelassen wird, sind Tierwohlaspekte. Verschiedene Fischarten weisen bewiesenermaßen eine Säugetieren relevant ähnliche Neurologie und Physiologie auf. Sie fühlen, denken, spielen und kommunizieren. Dennoch scheint der Fisch eine Art Sonderstellung unter den sogenannten Nutztieren einzunehmen. Statt von “Töten“ spricht man in der Aquaponik von “Ernte“.

„Im Vergleich zu Fleisch bildet Fisch eine besondere Kategorie – viele Menschen, die dem Fleischkonsum gegenüber kritisch eingestellt sind, essen Fisch.“

Markus Wild in seiner Studie „Fische. Kognition, Bewusstsein und Schmerz. Eine philosophische Perspektive.“

Fische bewohnen eine andere Welt als wir und anscheinend verleitet das viele Menschen zu der Annahme, dass ihre Bedürfnisse weniger ernstzunehmend sind. Aquakultur ist Massentierhaltung. Dies gilt genauso für Aquaponik.

Genaue Zahlen, wie hoch das Produktionsvolumen in Aquaponik-System weltweit einzuschätzen ist, gibt es nicht und die Methode kommt nicht flächendeckend zum Einsatz. Die Produktion dürfte zurzeit im Vergleich zu konventionellen Systemen noch als äußerst gering einzustufen sein. Aquaponik bleibt also weiterhin ein sehr seltenes System in der kommerziellen Produktion – weltweit wird die Aquakultur vor allem in den Boomstaaten zunehmen (60 % der Weltproduktion liegen in Asien), wobei aber der Anteil der nachhaltigen Zuchten eher abnehmen wird. Fischwohl in Aquakultur, z.B. durch geringe Besatzdichten, Versteckmöglichkeiten und Schattenplätze, bleibt weiterhin die Ausnahme.

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Ein Artikel von Johanna

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