Stadttauben – die gefiederten Streuner

Ratten der Lüfte werden sie oft genannt. Aber sind sie nicht eher arme Schweine? Viele Menschen ekeln sich vor Tauben im Gegensatz zu Amsel, Spatz und Co. Doch auch die Taube hat sich das nahe Zusammenleben mit uns nicht ausgesucht, sondern ist seit Tausenden von Jahren an den Menschen gebunden. Wir räumen mit dem Mythos der dreckigen Stadttaube auf und stellen eine tierfreundliche Lösung für die „Stadttaubenproblematik“ vor.

Taube und Mensch – seit Jahrtausenden miteinander verbunden (Foto: privat)

Tauben leben heute in jeder großen Stadt dieser Welt in unterschiedlich großen Beständen. Die weltweite Gesamtzahl wird auf mehrere Millionen geschätzt. Vor mehr als 5.000 Jahren begann die Beziehung zwischen Mensch und Taube durch Domestikation und Anpassung der Wildform an menschliche Bedürfnisse. In erster Linie war die Taube ein Nutztier: als Nahrung, Überbringer von Nachrichten und später auch als Hobby und Sporttier.

Tauben sind in jeder Stadt zu Hause. (Foto: privat)

Verwilderte Haustiere

Der wilde Vorfahre aller Haus- und Stadttauben ist die frei lebende Felsentaube. Diese bewohnt, wie der Name verrät, Steilküsten und Felshöhlen. Deshalb brüten auch Stadttauben heute noch in Mauernischen, sie kennen das Brüten auf Bäumen nicht. Häuser sind Felsenersatz, Simse, aufgelassene Dachböden und Balkone dienen als Schlaf- und Nistplätze. Gefangene Felsentauben wurden nach Zähmbarkeit und hohen Fortpflanzungsraten selektiert. Als Folge der Züchtung auf Fruchtbarkeit brüten Stadttauben das ganze Jahr hindurch, im Winter in etwas größeren Abständen als im Rest des Jahres.

Unter optimalen Bedingungen könnte ein Taubenpaar bis zu 12 Jungtiere pro Jahr aufziehen. Echte Wildvögel sorgen im Schnitt ein bis zwei Mal im Jahr für Nachwuchs. Stadttauben sind jedoch Nachfahren von ausgesetzten oder auch ausgebüxten Zuchttieren, aus aufgelassenen Hobbybeständen usw. Auch Brieftauben, die ihr Ziel nicht finden, schließen sich immer wieder Taubenschwärmen in der Stadt an. Stadttauben sind daher keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere, die von der menschlichen Gesellschaft abhängig sind!

 

„Schließlich hat der Mensch die Haustaube erst domestiziert, angesiedelt – und in den Städten dann verwahrlosen lassen.“

(Dr. G. Vater „Bestandsverminderung bei verwilderten Haustauben“, Teil 1)

Leben auf der Straße

Jeden Tag sind die Vögel stundenlang zu Fuß unterwegs auf der Suche nach ausreichend Nahrung, um die nächsten Tage zu überleben. Tiere, die sich in der Nähe von Parks und Wiesenflächen angesiedelt haben, können zumindest einen Teil ihres täglichen Bedarfs durch Gras- und andere Pflanzensamen abdecken. Tauben, die in Innenstadtgebieten ohne Grünflächen leben, müssen komplett ohne artgerechte Futteranteile auskommen. Sie sind auf jeden Krümel menschlichen Abfalls angewiesen und kommen zu Menschen mit Essen in der Hand regelrecht „betteln“. Oft mit wenig Erfolg, denn sie werden aufgrund vieler Vorurteile nur allzu gerne wie Ungeziefer verscheucht. Oft verfangen sich beim Runden drehen am Boden liegende Fäden und Haare an den Füßen der Tiere und verschnüren sich dort schmerzhaft, bis einzelne Zehen oder gar Teile des Fußes abgestorben sind.

Futtermischung

So sieht artgerechtes Taubenfutter aus. (Foto: Pixabay, LV11)

Futter und Verdauung

Tauben sind von Natur aus reine Körnerfresser, müssen allerdings in der Stadt aus Mangel an geeigneten artgerechten Futterquellen alles nur irgendwie Verwertbare und auch Abfälle aufnehmen. Sie verhalten sich dadurch wie Allesfresser, aber Pommes, Brot, Reste vom Würstelstand und dergleichen werden aus Hunger und Not aufgenommen, weil nichts Anderes da ist. Was gleich zum nächsten Aspekt der Sache führt: Der Kot von gesunden, artgerecht ernährten Tauben ist fest und häufchenförmig. Der (halb)flüssige Taubenkot, der an Gebäuden oft für Ärger und Aufwand für die Entfernung sorgt, stammt von Tieren mit Verdauungsproblemen aufgrund ungeeigneter Nahrung.

Keine Angst vor Kontakt – Tauben sind für uns ungefährlich ;-) (Foto: privat)

Der gesundheitliche Aspekt

Die landläufig verbreitete Meinung, dass Tauben Überträger von Krankheiten sind, die ein Gesundheitsrisiko für den Menschen darstellen, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Ja, Tauben tragen eine Art Erreger in sich, die beim Menschen infektiös wirken kann, allerdings nur, wenn man regelmäßig und dauerhaft mit Taubenkot in direkte Berührung kommt. Diese bei Tauben festgestellte Clamydia-Art ist jedoch beispielsweise weniger ansteckend als derselbe bei Puten gefundene Erreger. Die meisten von Tauben getragenen Keime sind wirtsspezifisch und somit keine Gefahr für den Menschen.

Fütterungsverbote sind kein wirksames Mittel zur Bestandsminderung. (Foto: privat)

Bestandsverkleinerung – zum Wohl der Tiere

Bestandsverkleinerungen sind aufgrund der hohen Fortpflanzungsrate bei gleichzeitig schlechtem Nahrungsangebot auch aus Tierschutzsicht wünschenswert – selbstverständlich ohne dem bestehenden Bestand Schaden und Leid zuzufügen! Fang- und Tötungsaktionen sind entschieden abzulehnen und haben erwiesenermaßen keinen dauerhaften Effekt. Auch Fütterungsverbote und das Einsetzen von Greifvögeln haben in Studien in einigen deutschen und Schweizer Städten keine Verminderung der Taubenzahl gebracht.

Das Augsburger Modell

In mehreren deutschen Städten haben sich Taubenschläge nach dem sogenannten Augsburger Modell als tierfreundliche Lösung zur Bestandsverkleinerung bewährt. Diese werden von ehrenamtlichen Helfern betreut;  die Stadttauben können gezielt angesiedelt und ihre Vermehrung kontrolliert werden. Wenn solche Taubenschläge zur Verfügung stehen, ziehen die Tiere gerne dorthin um. Durch regelmäßige Fütterung werden die Tauben an den Standort gewöhnt. Durch die kontrollierte Versorgung mit artgerechter Nahrung bessert sich der Allgemeinzustand der Tiere und Krankheiten treten seltener auf. Die Tauben verbringen dann einen Großteil der Tageszeit im Schlag statt auf der Straße und setzen dort auch ihren Kot ab, der von den freiwilligen Betreuern regelmäßig entfernt wird. Die Eier von brütenden Pärchen werden gegen Gipseier getauscht und so der Bestand tierschutzgerecht verringert.

In Deutschland sind Stadttauben-Projekte mit betreuten Taubenschlägen bereits in vielen großen Städten etabliert. Schade, dass dieser Weg in Österreich (noch) nicht möglich ist. Denn Tierschutz darf keine Tierart ausgrenzen.

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Ein Artikel von Sabrina