„Ein System der Ausbeutung muss hinterfragt werden“ – Der Hühnerphilosoph im Gespräch

Harald Stoiber lebt auf einem Bauernhof in Tirol. Er gibt „ausgedienten“ Legehennen aus der Massentierhaltung ein Zuhause und ermöglicht ihnen einen schönen Lebensabend. Auf seinem Blog berichtet der „Hühnerphilosoph“ regelmäßig vom Leben mit seinen gefiederten MitbewohnerInnen, gibt uns Updates zur aktuellen Hackordnung und teilt Anekdoten. Wie es dazu kam und wie sich das Leben von Harald veränderte? Lest selbst, wir haben mit ihm gesprochen!

Der Hühnerphilosoph mit seinen Schützlingen (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Lieber Harald, wie bist du zu deinen MitbewohnerInnen gekommen und wie hat alles angefangen?

Dadurch dass meine Frau und ich am Hof ihrer Großmutter leben dürfen, war uns schon bald klar, dass neben Gemüseanbau, auch Tiere am Hof miteinziehen sollen. Der Zeitpunkt war noch nicht geklärt wann und wieviele. Es war dann eine spontane Reaktion auf einen Facebookaufruf, dass Legehennen in Tirol ein Zuhause suchen und wenn sie keinen Platz bekommen, sterben müssten. Das hat mich so berührt und ich dachte mir, wenn ich jetzt nicht handle, dann müssen sie sterben. Dann ging alles recht schnell. Ohne viel Vorwissen und ohne Stall habe ich zugesagt und zwei Wochen später sind sie dann ihr neues Zuhause gezogen.

Es gibt Essen! (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Pocahontas, Tofu, Elvis, Marille, Wilma, etc.: Wie wählst du die coolen Namen für die Hühner aus?

Ob sie so toll sind, mag ich schwer beurteilen. Aber wir, meine Frau und ich, haben versucht uns anhand von 1-2 Auffälligkeiten und ihrem Verhalten heranzutasten und haben die Namen getestet und wenn sie dann über einen gewissen Zeitraum zum Huhn gepasst haben, dann wurden sie fixiert. Außerdem haben wir auch versucht Gruppen zu finden, altösterreichische Namen, Namen aus der Serie „Orange is the new Black“ usw… dass nicht ein Huhn mit einem besonderen Namen herumläuft, sondern gleich eine Gruppe eine Zuordnung erfährt. Und ich mach mir schon vorab Gedanken, welche Namen denn nett wären. Für die neuen Hühner Mitte April schwirren mir auch schon nette Namen im Kopf herum.

Tofu, die Friseuse (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Nun zur Hackordnung: Gab es eine Chefin zur Zeit der reinen Mädels-WG? Was änderte sich als Kronprinz Rudolph bei euch einzog?

Die Hühnergruppe hatte immer eine Chefin, auch als der Gockel eingezogen ist. Dieser übernimmt nicht immer die Führung der Gruppe, sondern agiert im Alltag eher ausgleichend und gibt bei Futterschüssel und Sandbad weniger den Ton an, sondern lässt auch mal die schwachen Hennen neben ihm sein und etwas zur Ruhe kommen. Die Taktgeberinnen waren bisher immer weiße Hennen, zu Beginn Schneewittchen, dann Claudette und später bis zu ihrem Tod Sudoku. Sie waren schon immer ranghohe Hennen, die nur durch die Mauser (Regenerationsphase) oder eine Krankheitsphase so weit geschwächt wurden, dass sie den Thron räumen mussten. Generell ist zu sagen, dass die Thronübergaben bisher kampflos passieren, wie eine stille Zepterübergabe.

Erna und Rudi in love (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Was hat dich im Zusammenleben mit deinen gefiederten MitbewohnerInnen am meisten überrascht?

Einerseits, dass sie manche Dinge, obwohl sie sie nicht kannten, intuitiv sofort gemacht haben, als sie die Möglichkeiten hatten (Sandbäder machen und Gefiederpflege funktionierten sofort, sind aber in den Hallen eher unmöglich). Andererseits aber, dass sie über Stock und Stein stolperten und ihnen die Gehpraxis auf unebenen Böden fehlten. Was auch noch interessant war, dass sich sehr bald eben eine Rollenverteilung, aber auch Charakterzüge entwickelten und allein dadurch schon jedes Huhn anders/besonders war.

Ich dachte es wird schwer, zehn mehr oder weniger gleiche Hennen auch wirklich auseinander zu halten, das Gegenteil war der Fall.

Harald Stoiber

Der Besuch der alten Dame (Pocahontas) (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Seit wann lebst du vegan? Was gab den Anstoß?

Seit ca. viereinhalb Jahren. Die Richtung gab irgendwie eine Freundin von mir vor. Die ist seit bald 17-18 Jahren vegan und damit hab ich mich schon in meiner Jugendzeit mit Veganismus auseinandersetzen müssen ;) …wir haben auch viel gestritten. Schlussendlich gab es aber auch bei mir den Prozess, immer weniger Fleisch, nur mehr vegetarisch und dann auch durch meine Frau vegan, die gesagt hat, sie will das durchziehen, weil eigentlich ist die tierische Lebensmittelproduktion ein Horror und wenn man das nicht unterstützen will, muss man verzichten. Gesagt, getan. Die Umstellung ging dann recht leicht, ich war vegan kochen durch meine Schulfreundin gewohnt und es hat mich auch interessiert dazuzulernen, mir neue Produkte in der Verarbeitung anzueignen. Das waren ganz positive Nebeneffekte neben der grundsätzlichen Vermeidung/Verminderung von Tierleid durch den veränderten Konsum.

Tofu liebt Selfies! (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Was antwortest du jemandem, der dir (ungefragt) erklärt, dass er/sie „eh nur gaaaanz wenige und sowieso nur Bio-Eier“ isst?

Haha. Das ist eine gute Frage. Normalerweise frage ich dann ob der Bauer/die Bäuerin, von dem/der die Eier bezogen werden (wenn es nicht ohnehin ein Lebensmittelgroßkonzern ist) von der Eierproduktion seiner/ihrer Hennen lebt. Üblicherweise wird das bejaht und dann bin ich für gewöhnlich recht klar, dass ich schon verstehe, dass Bauern und Bäuerinnen auch von etwas leben müssen, nur ab dem Zeitpunkt wo sie von der Tierproduktproduktion leben müssen, ist es eine Form von Ausbeutung. Hähne schreddern, Hennenumlauf bei sinkender Eierkurve und mal schlechte, vielleicht im Biobereich bessere Rahmenbedingungen sind dann halt das Maß aller Dinge.

Das heißt egal ob biologisch oder nicht, manche Dinge bleiben ausbeuterisch. Und Hühnern, weil sie nicht mehr rentabel sind, das Leben brutal zu verkürzen und die Verantwortung zu verweigern, die eine fleischessende Gesellschaft aber zu tragen hätte, lässt sich mit „selten“ und „bio“ nicht rechtfertigen, wenn sich die Mechanismen nicht grundsätzlich ändern.

Harald Stoiber

Wenn es um die Jause geht, kann Tofu sogar fliegen (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Du engagierst dich auch in der Geflüchtetenhilfe und Erwachsenenbildung. Für viele ist der Einsatz für Mensch UND Tier keine Selbstverständlichkeit, wie siehst du das?

Ich habe eine zeitlang als Betreuer in einem Obdachlosenheim für Geflüchtete in Wien gearbeitet und war früher als Trainer in der Basisbildung und heute als Jobcoach in einem sozialökonomischen Betrieb tätig. Viele unterschiedliche Bereiche mit tollen Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass der Einsatz für Tier oft positiver bewertet wird, als für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Mir persönlich ist das ein Rätsel. Es geht doch um das ausbeuterische System in dem wir leben und wenn ich gegen Ausbeutung bin, dann ist mir doch egal ob Menschen oder Tiere oder unsere Umwelt davon betroffen sind. Ich muss schauen Lösungen anzubieten, Mitgefühl mit den Betroffenen zu haben und die Rädchen im System versuchen zu verändern. Nicht die Menschen oder die Tiere.

Ein System, das Ausbeutung egal an wem oder wie rechtfertigt, muss hinterfragt werden und jeder und jede hat die Verpflichtung Verantwortung, egal in welcher Form (nicht jeder und jede kann gleich viel beisteuern) zu übernehmen.

Harald Stoiber

Winterspaziergang; Wie lang ist dein Hals, Tigerlilly? (Foto: © Der Hühnerphilosoph)

Wie kann man dich und dein Projekt am besten unterstützen?

Die Frage ist sehr nett, aber eigentlich nur durch Aufmerksamkeit. Monetär sind mir die Hennen eine Herzensangelegenheit, ein Hobby. Da ich schaue, dass ich nur so viele Hühner halte, wie ich auch schaffe einen persönlichen Bezug aufzubauen, ist das alles überschaubar. Aber die Aufmerksamkeit auf die Tücken der Eierproduktion und einen Blick auf einen ausbeutungsarmen Lebensweg zu richten sowie das Anprangern von Missständen in der Hühnerlandwirtschaft. Damit ist wohl Sissi, Pippi und Erna am meisten geholfen. Es gibt so viele Organisationen wie Rette.dein.Huhn oder Tierschutzhäuser wie Maurach in Tirol, die sich nicht aussuchen können, dass sie nur 10-15 Hennen nehmen, die kümmern sich um alle, die nicht vermittelt werden können, schwärmen in der Nacht aus um Hofauflösungen zu unterstützen, retten Hähne, nehmen Hennen, die in einem gesundheitlich schwachen Zustand sind, zahlen Tierarztrechnungen, etc. Die brauchen monetäre Unterstützung und helfende Hände. Ich kann mit meinem Projekt, so groß wie es jetzt ist, gut umgehen.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir wünschen euch alles Gute und freuen uns über neue Geschichten von der großartigen Hühnerbande auf deinem Blog :)

Harald Stoiber lebt mit seiner Frau und tierischen MitbewohnerInnen auf einem Bauernhof in Going am Wilden Kaiser (Tirol). Neben dem Gemüseanbau betreiben sie eine „Pension“ für gerettete, ehemalige Legehennen. Als „Hühnerphilosoph“ dokumentierte er von Anfang an das Kennen- und Liebenlernen auf seinem Blog: www.derhuehnerphilosoph.at

www.facebook.com/derhuehnerphilosoph
twitter.com/harry_stoiber

 

Ein Artikel von Luise