Die unsichtbaren Opfer der Tierindustrie

Schweine
Alleine in Österreich wurden im Jahr 2017 „622.000 Rinder, 56.300 Kälber, 5.153.000 Schweine, 245.000 Schafe und Lämmer, 44.300 Ziegen und Kitze sowie 546 Pferde, Fohlen und andere Einhufer geschlachtet“. Die Anzahl an geschlachteten Hühnern von 83.800.000 ist unvorstellbar, der Rest des Geflügelsektors unterliegt offenbar dem Datenschutz. Aber die Anzahl der Tiere, die geschlachtet, weiterverarbeitet und -vermarktet werden, spiegelt nicht die Zahl wieder, die tatsächlich getötet werden oder sterben. Denn bis zum Schlachthof schaffen es längst nicht alle Nutztiere, „diverse Ausfälle“ sind offenbar in die Produktion miteingerechnet.
Fleischproduktion

Nur eines der unsichtbaren Opfer der Nutztierhaltung. (Foto: © Jo-Anne McArthur / Djurrattsalliansen)

Wir haben recherchiert, aus welchen Gründen unzählige Nutztiere schon lange vor dem Erreichen des Schlachthofs sterben:

1. Falltiere

Sogenannte Falltiere sind laut Definition „landwirtschaftliche Nutztiere, die verendet sind (einschließlich Totgeburten oder ungeborene Tiere) oder nicht für den Verzehr getötet wurden und sich daher nicht in einem Schlachthof befinden“. Vereinfacht gesagt: Diejenigen, die die hinter Mauern versteckten Produktionsbedingungen nicht überleben. Verletzt, krank und geschwächt, werden längst nicht alle von ihrem qualvollen Leid erlöst, wie es das Gesetz vorschreiben würde.

Hühner

Qualvolles und unwürdiges Ende in der Legebatterie für dieses Huhn. (Foto: © Jo-Anne McArthur / Animal Equality)

So zeigte beispielsweise eine Diplomarbeit im Jahr 2009 an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die gezielt die Kadaver der Falltiere untersuchte, dass bei jedem fünften Tier morphologische Abweichungen erhoben werden konnten: „Erfasst wurden hochgradige Abmagerung, Dekubitalstellen, Stallklauen, Beißen im Bereich des Schwanzes, der Ohren, der Hautoberfläche sowie der Flanke und Umfangsvermehrungen.“ Stichprobenartige Untersuchungen an „gefallenen Rindern und Schweinen“ 2012 in Österreich zeigten, dass „12,5 % der Rinder und 21 % der Schweine eine oder mehrere pathologische Veränderungen mit Verdacht auf einen tierschutzrelevanten Hintergrund aufwiesen“. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover kommt zu ähnlichen Ergebnissen und zu dem Schluss, dass 1,17 Mio. Schweine in Deutschland pro Jahr qualvoll ihren Verletzungen erliegen und nicht euthanasiert/notgetötet werden.

Fleischproduktion

Massentierhaltung bedeutet hohes Verletzungs- und Krankheitsrisiko, das aber in Kauf genommen wird. (Foto: © Jo-Anne McArthur / Djurrattsalliansen)

Dieses System der „einkalkulierten Ausfälle“ ist jedoch nicht nur bei Schweinen ein Problem, wie der Fall eines Milchbetriebs in Deutschland zeigt: Tagelang (oder länger!) werden verendete Tiere mitten unter ihren lebenden Artgenossen im Stall liegen gelassen, Kadaver werden am gesamten Gelände gefunden. Trotz umfangreicher Beweisaufnahmen scheinen die zuständigen Behörden das Tierleid nicht zu „sehen“.

Fleischproduktion

Tote Artgenossen gehören zum Alltag der Überlebenden. (Foto: © Jo-Anne McArthur / We Animals)

2. Tierseuchen

Neben Todesfällen aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in der Nutztierhaltung gibt es auch noch andere Gründe, weshalb Tiere das Schlachthaus nie lebend erreichen: Seuchen haben aufgrund der hohen Bestandsdichte in der Tierindustrie oft ein leichtes Spiel: Das Immunsystem geschwächter und gestresster Tiere hat Erregern wenig entgegenzusetzen. Tiertransporte quer durch Europa (und weiter) bewirken, dass Seuchen sich rasant ausbreiten können! Und last but not least gibt es auch zwischen Wild- und Nutztieren problematische Krankheitsübertragungen: Gesetzgeber und vollziehende Behörden haben oft alle Hände voll zu tun, rechtzeitig oder prophylaktisch (gesetzlich geregelt) tätig zu werden – für das Wohl des Menschen selbstverständlich.

Fleischproduktion

Die Haltung von Geflügel zur Fleischproduktion – nun stellt euch vor, wie eng es erst sein wird, wenn diese Jungtiere kurz vor der Schlachtreife sind. (Foto: © Jo-Anne McArthur / Djurrattsalliansen)

Erschreckenderweise müssen Tiere per Gesetz nicht gesund sein, um geschlachtet und „weiterverarbeitet“ zu werden. Da sollte doch jedem/r der Appetit gründlich vergehen:

13. Die Schlachtung kranker Tiere zum Zwecke des Fleischgenusses ist von dem beigezogenen Tierarzte nicht zuzulassen, wenn es sich um schwere Krankheitsfälle handelt, bei welchen schon der Befund am lebenden Tiere den Genuß des Fleisches als gesundheitsschädlich erkennen läßt. 
Von den zum Zwecke des Fleischgenusses zur Schlachtung zugelassenen kranken Tieren sind in jedem Falle die krankhaft veränderten Teile unter amtlicher Aufsicht zu entfernen und unschädlich zu beseitigen.

Rechtsvorschrift für Abwehr und Tilgung von Tierseuchen – Durchführungsbestimmungen, Fassung vom 29.07.2018

(Quelle: www.ages.at)

Wie es um die Aus- bzw. Verbreitung von Tierseuchen in und um Europa steht, wird jedoch erst öffentlich diskutiert, wenn „der Hut bereits abgebrannt ist“, also nach einem Ausbruch mit allen Konsequenzen, wenn beispielsweise sogenannte „Keulungen“, also das Töten gesamter Tierbestände nötig werden. Bis dahin findet man Informationen dazu für die Öffentlichkeit zwar auf Serviceportalen, aber nicht in einfach zugänglichen Medien. Dass beispielsweise im Jahre 2016/2017 die Lumpy Skin Disease sich rasch Richtung Österreich ausbreitete (siehe Bild rechts), wurde öffentlich nicht nennenswert thematisiert.

Ständig sind (Veterinär-)Behörden damit beschäftigt, sich mit der Eindämmung von Tierseuchen auseinanderzusetzen, der/die NormalbürgerIn wird aber – bewusst? – darüber in Unkenntnis gelassen. Oder jüngst von Schweinepest, Vogelgrippe, Blauzungenkrankheit oder eben der oben genannten Lumpy Skin Disease gehört?

Fleischproduktion

Das Ende der sogenannten „Ausfälle“ der Fleischindustrie. (Foto: © Jo-Anne McArthur / Animal Equality)

3. Tiertransporte

Der wahrscheinlich bekannteste Grund, weshalb viele Nutztiere den Schlachthof nicht lebend erreichen, sind qualvolle Bedingungen auf Tiertransporten, die teilweise quer durch Europa und weiter geführt werden. Wir haben zu diesem Thema bereits ausführlich berichtet (Tiertransporte hautnah – ein Interview, Reise in den Tod).

Schweine Transport

Transportiert werden die Tiere vorzugsweise im Dunkeln, versteckt vor den Augen der KonsumentInnen. (Foto: © Jo-Anne McArthur / We Animals)

Die Zahlen sind erschreckend: Mehr als eine Milliarde Geflügel werden jährlich in der EU grenzüberschreitend transportiert, dazu kommen noch rund 400 Millionen vierbeinige Nutztiere, wie Rinder, Schweine oder Schafe. Die Tiere haben beim Transport wenig Platz, für ein Kalb bis 50 Kilogramm ist nur eine Mindestfläche von 0,4 Quadratmeter vorgesehen, teilweise bis zu 30 Stunden lang. Dass es hier viele Opfer gibt, liegt auf der Hand, Opfer die wir „in Kauf“ nehmen, wenn wir Produkte tierischen Ursprungs kaufen.

Hühner

Reise in den Tod – ob sie den Transport überlebt haben? (Foto: © Jo-Anne McArthur / We Animals)

Aber anstatt mehr Transparenz in die Tierindustrie zu bringen, sollen gegenteilige Maßnahmen getroffen werden: Undercoveraufnahmen, die Missstände aufdecken, sollen weiter kriminalisiert werden, wie im Regierungsprogramm unter dem Kapitel „Reformen im Strafrecht“ auf Seite 44 zu finden ist: demnach ist eine „Ausweitung des Schutzes auf Eigentum und Hausrecht insbesondere auch gegen das illegale Eindringen in Stallungen“ vorgesehen.

Schweine Transport

Verletzt, zerquetscht, verängstigt… (Foto: © Jo-Anne McArthur / We Animals)

Offenbar besteht große Angst, wenn die Öffentlichkeit weiß, was tatsächlich hinter geschlossenen Türen passiert. Denn was würde wohl passieren, würden all diese Tatsachen transparent gemacht und verständlich aufbereitet werden? Schließlich geht es ums Ganze, nämlich um Lebensmittel, die jede/n betreffen. Wir KonsumentInnen haben ein Recht darauf zu erfahren, wie unsere Lebensgrundlage produziert und wie mit Lebewesen umgegangen wird!

Schlachthof

Grausam, aber Alltag am Schlachthof. Warum weiß nicht jede/r KonsumentIn darüber Bescheid, wie Fleisch produziert wird? (Foto: © Jo-Anne McArthur / We Animals)

Ein Artikel von Ursula Aigner

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