Das Verborgene ans Tageslicht bringen – Timo Stammberger im Gespräch (Teil 1)

Tierfabriken liegen strategisch günstig und außer Sichtweite von Städten. Das enorme Tierleid wird somit von den VerbraucherInnen ferngehalten. Wir haben mit dem Aktivist und Fotograf Timo Stammberger aus Berlin über seine Arbeit gesprochen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirklichkeit der Massentierhaltung und der industriellen Tierhaltungsbetriebe ans Licht zu bringen.

Geflügel-Mastanlage (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Lieber Timo, was möchtest du mit deinen Arbeiten bewirken?

Das ist für mich die entscheidende Frage. Mir geht es nicht um Kunst um der Kunst willen. Vielmehr muss Kunst eine Wirkung nach außen in die Gesellschaft haben. Denn Kunst hat die Macht, etwas zu verändern. Und meiner Meinung nach hat sie auch die Pflicht dazu.

Schweine-Mastanlage, 52.000 Schweine (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Ganz konkret möchte ich Fragen aufwerfen und zum kritischen Nachdenken anregen. Und letztlich möchte ich durch meine Arbeit Schwächeren eine Stimme geben.

Timo Stammberger

Schweine-Zucht und -Mastanlage, 8396 Schweine (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Dabei versuche ich, Herz und Verstand der Menschen anzusprechen. Und vor allem hoffe ich, andere dazu zu inspirieren, selbst aktiv zu werden. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, mit denen er sich für eine bessere Welt einsetzen kann. So ist es mir sehr wichtig, gerade die furchtbare Realität der Massentierhaltung aufzuzeigen. Denn sehr wenige Menschen setzen sich für dieses Thema ein, obwohl die negativen Auswirkungen unseres Tierkonsums so immens sind und nicht nur die Tiere, sondern auch unsere Umwelt und letztlich uns selbst betreffen. Obwohl hier so viel Leid entsteht, wird dieses Thema gesellschaftlich, politisch und rechtlich vollkommen vernachlässigt. Daher glaube ich, dass ich hier am meisten mit meiner Arbeit bewegen kann. Und zwar, indem ich das Verborgene ans Tageslicht und die Menschen zum Nachdenken bringe.

Geflügel-Schlachthaus, 27.000 Schlachtungen pro Stunde (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Erfreut habe ich auf deiner Homepage mein Lieblingszitat der Aktivistin und Schriftstellerin Alice Walker gefunden: „Activism is my rent for living on the planet.“ Seit wann bist du Aktivist? Wie hat es angefangen?

Mir geht es in Deutschland ziemlich gut und ich finde, dass „Wohlstand“ verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen – und das heißt für mich: Etwas tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Ich wollte meine Fotografie zu etwas Sinnvollem nutzen und habe dann in meinem Interessenbereich nach Themen gesucht. Hierzu gehört der Bereich Tierschutz/-rechte, der zudem erheblich vernachlässigt ist. 2014 habe ich dann angefangen, hauptsächlich ehrenamtlich mit verschiedenen Tierschutz/-rechtsorganisationen hier in Berlin zusammenzuarbeiten. Ich habe viele verschiedene Aktionen und Demos dokumentiert, aber auch Portraits und Imagebilder gemacht

Eier-Produktion (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Dann kam die erste Recherche [Anm.: Recherchen im Tierrechts/-schutzbereich müssen meist im Geheimen erfolgen um Missstände zu dokumentieren, aufzudecken und an die Öffentlichkeit zu bringen. BetreiberInnen von z.B. Tierfabriken sind nicht daran interessiert, der Öffentlichkeit die wahren Zustände offenzulegen], und ich habe zum ersten Mal das unfassbare Leid in der Massentierhaltung mit meinen eigenen Augen gesehen. Das war ein entscheidender Moment für mich. Ich hatte vorher immer gehofft, dass die Zustände doch nicht so schlimm sein würden, wie ich es immer gehört und in Dokus gesehen hatte. Die Realität dann mit eigenen Augen zu sehen, hat für mich dann alles verändert. Nach dieser Erfahrung wusste ich, ich will meine ganze Energie dafür nutzen, zusammen mit anderen Menschen, diese Zustände zu beenden. Und dazu müssen sie zunächst ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Das geht am besten mit Bildern.

Milch-Produktion, 1771 Kühe (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Mit deiner Fotoserie „Making the Connection“ willst du Unsichtbares sichtbar machen. Wie bist du auf die Idee gekommen, Tierfabriken zu fotografieren und warum?

Ich hab mir eher zufällig Luftbilder von Mastanlagen angesehen. Diese Anblicke waren ganz neu für mich, und ich war schockiert vom Ausmaß der Industrieanlagen, die oft versteckt sind, mitten im Wald, außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden. Ich war mir sicher, dass dieses Ausmaß den Konsumenten nicht bewusst ist, und ich wollte mein eigenes Entsetzen über das Ausmaß teilen. Dazu kam dann der Gedanke, die Luftbilder auch mit Außenaufnahmen zu kombinieren, um das Ganze noch greifbarer zu machen. Es gibt so viele Aspekte und Details des Systems der Massentierhaltung, die für die Öffentlichkeit nicht ersichtlich und daher auch nicht (be)greifbar sind.

Enten-Zuchtanlage, 45.000 Enten (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Wie bist Du vorgegangen und woher wusstest du wo die Anlagen zu finden sind? Gab es Schwierigkeiten?

Besonders interessiert haben mich die markanten Charakteristika der Anlagen sowie das industrielle Äußere. Alles weist darauf hin, dass hier kein Raum für Tierwohl sein kann. Die Bilder sind alle von außen und auf öffentlichem Grund entstanden. Je mehr man sich den Anlagen nähert, desto beißender der Geruch. Oft hört man auch die Schreie der Tiere. Besonders schockiert hat mich immer wieder der Kontrast zwischen der Schönheit der Natur und der Kälte der mitten darin errichteten industriellen Anlagen, in denen wehrlose und ausgelieferte Lebewesen eingesperrt sind. Die Tiere sind quasi mitten in den schönsten Wäldern und Wiesen und werden doch niemals deren Duft wahrnehmen oder den frischen Wind spüren können. Wirkliche Schwierigkeiten hatte ich bei meiner Arbeit nie. Vieles hängt von guter Vorbereitung und konzentriertem und vorsichtigem Vorgehen ab.

Eier-Produktion, 1.8 Millionen Legehennen (Foto: © Timo Stammberger, Making the Connection)

Hier geht’s weiter im 2. Teil!


www.timostammberger.com

Ein Artikel von Luise