Das Tier in der Kunst…

… scheint zumindest in der heutigen Zeit kein allzu großes Thema zu sein. Bei der Wiener Künstlerin Deborah Sengl sind Tiere allgegegenwärtig, wenngleich sie vor allem mit den Tierhäuptern, ähnlich wie in Fabeln, den Menschen einen Spiegel vorhalten will. In drei Zyklen aber beschäftigt sie sich konkret mit der Mensch-Tier-Beziehung: Es geht um die Bedrohung der Arten und die Zerstörung der Lebensräume von Wildtieren, die Massentierhaltung auf der einen und die Vermenschlichung von Haustieren auf der anderen Seite. Wir haben mit Sengl über diese Arbeiten gesprochen.

Deborah Sengl, aus dem Zyklus Arche Noah (Foto: Sebastian Philipp)

„Tiere verdienen den gleichen Respekt wie Menschen“, sagt Deborah Sengl im Gespräch mit animal.fair. „Ich bin keine Vegetarierin, aber ich finde es total wichtig, dass wir Menschen uns überlegen was wir essen, was wir der Natur zumuten können, aus welchen Ressourcen es kommt, was es mit der Natur macht und wie Tiere behandelt werden, damit sie quasi zu Nahrung werden. Ich finde, das ist ein Diskurs, der stattfinden muss. Wie der ganze Diskurs über unsere Umwelt und den Klimaschutz. Wenn wir das nicht tun, dann werden die nächsten Generationen ein gravierendes Problem haben.“

Sengl greift diese Problematik in ihrem Zyklus Arche Noah auf, in dem sie bedrohte Tierarten hinter Bullaugen zeigt, wie etwa einen Orang-Utan, dessen Lebensräume durch die Abholzung für Palmölplantagen verkleinert werden, oder die Biene, die durch den Einsatz von Neonikotinoiden und Pestiziden in der industriellen Landwirtschaft bedroht ist.

Deborah Sengl, aus dem Zyklus Arche Noah (Foto: Sebastian Philipp)

Sengl sieht generell eine Verrohung der Menschen, zwischen den Menschen untereinander, aber auch zwischen dem Menschen und der Natur. Der Mensch verliere generell die Wertigkeit. „Wir verrohen und werden empathielos… und egoistisch. Gesund war der Mensch in diesem Hinblick nie, aber ich glaube, es wird schlimmer“, so Sengl. Sie greift dies auch in ihrem Zyklus „Via Dolorosa“ auf. Ausgangspunkt dieser Arbeit sind die 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu Christi. In dieser Serie sehen wir jedoch nicht den Sohn Gottes, sondern ein Huhn als Märtyrer leiden. Was auf den ersten Blick blasphemisch wirken mag, ist keine Kritik am christlichen Glauben, sondern thematisiert das Tierleid in der Nahrungsproduktion unserer Zeit.

Deborah Sengl, aus dem Zyklus Via Dolorosa (Foto: Sebastian Philipp)

Statt INRI prangt am Kreuz das KFC-Logo, das Huhn wird quasi als Märtyrer des 21 Jahrhunderts dargestellt. Für ihre Arbeit aus dem Jahr 2012 bekam Sengl nicht etwa Probleme mit Kentucky Fried Chicken (KFC), sondern mit der umstrittenen, erzkonservativen katholischen Pius-Bruderschaft, die sie verfolgt und bedroht habe, weil sie das christliche Symbol entwertet sah, erzählt die Künstlerin. „Das war aber nicht meine Intention, ich wollte das Tierleid zeigen und dann kam die Bruderschaft und sagte, dieses Folterinstrument ist nur für Jesus. Eigenartig, dass man ein Folterinstrument monopolisieren will.“

Während an dem einen Ende der Mensch-Tier-Beziehung die industrielle Massentierhaltung steht, so ist es am anderen Ende die Vermenschlichung von Haustieren. „Oftmals jedoch dient der bepelzte, geschuppte oder gefiederte Begleiter primär als Projektionsfläche unserer eigenen Sehnsüchte. Unsere vermeintlich uneingeschränkte Liebe, die kritiklos zur Kenntnis genommen wird, lässt uns manchmal auf die natürlichen Bedürfnisse unseres Lieblings vergessen. Dann substituiert jede Liebkosung, jedes warme Wort hauptsächlich unsere eigenen Defizite, so Sengl über ihren Zyklus „I pet your pardon“.

Deborah Sengl, aus dem Zyklus I pet your pardon (Foto: Sebastian Philipp)

In dieser Serie setzt Deborah Sengl uns Menschen die verniedlichten Masken auf, die wir gedankenlos in unseren Haustieren zu sehen glauben. Die Künstlerin verweist darauf, dass wir unsere Freunde aus dem Tierreich nicht mit lieblichen Spielzeugen verwechseln sollten, denn das macht uns in deren Augen zu einer lächerlichen Karikatur und „wir nehmen ihnen das Tierische indem wir ihnen das Menschliche überstülpen“, sagt Sengl.

Deborah Sengl, aus dem Zyklus I pet your pardon (Foto: Sebastian Philipp)

Und was sagt die Künstlerin, die sich selbst als Katzenmensch bezeichnet und auch mit einem Kater zusammenlebt, über ihre eigene Beziehung zum Tier im Allgemeinen? „Tiere beruhigen mich, mich mit Tieren auseinanderzusetzen, beruhigt mich, fasziniert mich, lehrt mich gewisse Dinge. Es gibt für mich kein hässliches Tier und kein dummes Tier. Für mich ist jedes Tier in seiner Art perfekt. Sie hören nie auf, mich zu interessieren und haben mich noch nie gelangweilt.“ Jüngst hat sie dieses Interesse zur Illustration eines Kinderbuches inspiriert, in dem eine Stechmücke namens Maurice eine der Hauptrollen spielt.

Die Künstlerin Deborah Sengl wurde 1974 in Wien geboren. Seit 1995 waren ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen und Kunstbänden zu sehen. Wiederkehrende Themen ihres Werks sind Tarnungen und Täuschungen. Tiere kommen dabei oft als Metaphern vor, um menschliches Verhalten und Fehlverhalten darzustellen.

www.deborahsengl.com

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Ein Artikel von Petra