Auf der Suche nach Britanniens wilden Flecken (Teil 2)

Wie wild ist die britische Wildnis noch? In Teil 1 haben wir euch bereits in den nicht mehr ganz so wilden Sherwood Forest und zur umso paradiesischeren Holy Island entführt. Heute geht es zu weiteren Orten, an denen in Großbritannien auch heute noch die Verbindung zum ungezähmten Genius loci gelingen kann.

Magische Landschaften entlang der West Highland Railway (Foto: © Alexander Willer)

Teil II: Von den Delfinen zum zauberhaften Dampfross

Noch voll mit den lebendigen Eindrücken von Holy Island verließ ich England, um den Reiz der schottischen Wildnis in mich aufzusaugen. Nach einem Zwischenstopp im kulturell und historisch anziehenden Edinburgh ging es hoch in den Norden, bis zu den Delfinen bei Inverness, und wieder hinab zur Zauberstrecke im Südwesten der Highlands. Eine Route voller Naturschönheiten.

Unglaublich, aber wahr: Delfine vor der schottischen Küste (Foto: © Alexander Willer)

Große Tümmler vor Chanonry Point

“Everybody needs beauty as well as bread, places to play in and pray in, where nature may heal and give strength to body and soul“, brachte es der 1838 in Schottland geborene Umweltphilosoph John Muir auf den Punkt. Orte der Schönheit, an denen die Natur Körper und Seele stärkt; genau darauf hatte auch ich meine Sinne fokussiert. Schottland ist reich an diesen Plätzen. Wenige Kilometer nördlich der beschaulichen Stadt Inverness wurde ich fündig: Chanonry Point.

An dieser Landzunge muss man die Wildnis nicht suchen, sie schwimmt einem wortwörtlich entgegen. Delfine! Genauer gesagt Große Tümmler. Auf die Flut aus der Nordsee wartend frönen die hochintelligenten Meeressäuger vor Chanonry Point dem Fischfang und Spiel. Ihre dunkelgrauen Silhouetten sind vom Küstenstreifen aus mit flinkem Auge erkennbar. Ab und zu hebt in sicherer Entfernung auch eine neugierige Robbe ihren Kopf aus dem Meeresarm. Wer warten kann, wird mit wunderbaren Eindrücken belohnt.

Große Tümmler vertreiben sich spielerisch die Zeit (Foto: © Alexander Willer)

Nessie außer Haus

Während in meinem Kopfkino noch der Abspann mit den Delfinen lief, stand schon das nächste Rendezvous mit der Wildnis bevor. Loch Ness. Entlang der Great Glen Fault gelegen, einer geologischen Verwerfung, die Schottland von Nordost nach Südwest teilt, hat dieser See seit jeher Legenden Nahrung gegeben. Schon in der Antike ritzten die Pikten Petroglyphen, die ein seltsames Lebewesen mit Finnen zeigen. Im Jahr 565 soll der Mönch St Columba das ‚Monster‘ gesehen und durch fromme Worte vertrieben haben. Wie dem auch sei, als ich per Boot den Loch Ness befuhr, schien die Seeherrin Nessie wohl außer Haus oder ins Zeitportal getaucht zu sein.

Loch Ness, monsterlos (Foto: © Alexander Willer)

Dafür bot sich ein atemberaubendes Landschaftsbild. Hoch oben ein abwechselnd sonniger, dann wieder melancholisch wolkenverhangener Himmel. Vor mir das dunkle Wasser des 36 km langen und bis zu 240 m tiefen Sees. Die Ufer gesäumt von Grashängen oder Bäumen. Blendet man die Ruine von Urquart Castle und die wenigen Häuser und Boote aus, wirkt der Loch Ness urbelassen. Definitiv ein Punkt, um mit dem Genius loci in Verbindung zu treten.

Fährt man den Great Glen immer weiter nach Süden, gelangt man am Ende nach Fort William. Diese Stadt ist das Outdoor-Zentrum Großbritanniens. Mountainbiken, Klettern, Kajaken, Hiking. Wildnisgefühle konnte ich dort keine empfinden. Einzig eine Gondelfahrt rauf auf die Nevis Range erwies sich vom Panorama beeindruckend. Der Ben Nevis ist mit seinen 1.345 Metern die höchste Erhebung der britischen Insel. Was ich mitnahm: Die Highlander teilen ihre sanften Berge in drei Kategorien ein – Grahams (ab 2.000 Fuß/610 m Höhe), Corbetts (ab 2.500 Fuß/762 m), Munros (ab 3.000 Fuß/915 m).

Panorama der Nevis Range (Foto: © Alexander Willer)

Zauberstrecke mit dem Dampfross

Durch malerische Landschaften, entlang verwunschen wirkender Seen und über das bekannte Glenfinnan Viadukt führt die West Highland Railway von Fort William zum zwei Stunden entlegenen Küstenort Mallaig. Bekanntheit erlangte diese Region mit ihrem wild-romantischen Charme als Naturkulisse für die „Harry Potter“-Filme. Und tatsächlich liegt nichts näher an der Fahrt mit dem magischen Hogwarts Express als ein Trip mit der historischen Jacobite-Dampflok.

Historische Zugfahrt auf der Strecke der West Highland Railway (Foto: © Alexander Willer)

Wer von nahezu menschenleeren, regnerischen Naturschönheiten und urtümlichen Augenweiden träumt, sollte von Fort William die West Highland Railway in Richtung Glasgow nehmen. Auf halbem Weg zur Großstadt liegt Rannoch Moor, der Inbegriff schottischer Hochlandschönheit: Sumpfiges Terrain mit wilden Gräsern, bewohnt von Hirschen, Moorhühnern und anderem Wildlife. Regenbögen sind keine Seltenheit.

Regenbogen in der Nähe des Rannoch Moor (Foto: © Alexander Willer)

Sie existiert noch!

Am Ende meiner Suche nach dem Ursprünglichen stand die Erkenntnis, dass Wildnis heutzutage eine Definitionsfrage ist, vom Blickwinkel abhängt. Sie existiert auch in einem dicht bevölkerten Land wie Großbritannien. Zwar kaum mehr in unberührter Form, wohl aber gibt es immer noch naturnahe Flecken, die von Industrialisierung und Zersiedelung verschont blieben. Stellenweise erobern Wildtiere urbanen Raum sogar zurück (Füchse in Großstädten). Der Seele bleibt noch Platz zum Atmen, der Genius loci der Wildnis kann immer noch wirken.

Wilderness (Foto: © Alexander Willer)

Wildnissuche macht hungrig

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Ein Artikel von Alexander

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