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Zoo: Artgerecht ist nur die Freiheit

Gepard, Zoo
…dieser Titel von Hilal Sezgins Buch gilt auch für Zoos. Während Tiergärten argumentieren, sie seien für die Arterhaltung unverzichtbar, ist animal.fair der Ansicht, dass die beste Form der Arterhaltung im Schutz und der Wahrung der Lebensräume der Wildtiere liegt. Zoos argumentieren weiters, dass sie Kindern die Natur mit ihrer vielfältigen Tierwelt nahe bringen würden. Aber was bringen sie Kindern tatsächlich nahe? Tiere, die in mehr oder weniger geräumigen Käfigen oder Gehegen eingesperrt sind und nicht so leben, wie sie in freier Natur leben würden. Die Macht des Menschen, Tiere einzufangen, einzusperren und auszustellen – das vermitteln die Zoos den Kindern. Selbstbestimmtheit und Würde des Tieres als Individuum bleiben auf der Strecke.
Gepard, Zoo

in junger Gepard, der die Freiheit nie kennenlernen wird. Foto: Pixabay (geralt)

Ein Stück Natur in der Stadt?

Auf Schautafeln vor den Käfigen wird der natürliche Lebensraum der Tiere beschrieben, ihr artspezifisches Verhalten und wie viele Kilometer sie am Tag normalerweise zurücklegen. Wie paradox ist es, dass sich hinter diesen Tafeln Tiere befinden, denen genau das verwehrt bleibt: ihrer Natur und Art gemäß zu leben. Kinder lernen, dass Tiere dazu da sind, einen Zweck für den Menschen zu erfüllen, anstatt dass Tiere einen Selbstwert haben. Sie lernen, dass man Natur im Miniaturformat “konservieren” kann, anstatt dass Natur dort geschützt werden soll, wo sie tatsächlich zu finden ist. Wir können Orang Utans, Elefanten, Zebras oder Pandas dadurch am besten schützen, indem wir dafür sorgen, dass ihre Habitate, ihre Lebensräume, in ausreichendem Maß bewahrt werden. Wir können auch Kröten, Feuersalamander, Hasen oder Rehe am besten schützen, indem wir ihnen einen ausreichend großen Lebensraum lassen. Und zwar auf dem Kontinent und in der Region, in der diese Tierarten beheimatet sind.

Ein Relikt vergangener Zeiten

Zoologische Gärten, die im auslaufenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert entstanden sind und ihren Aufschwung erfahren haben, entstammen der damaligen Geisteshaltung und Moral. Ist das mit einem modernen Bildungsauftrag noch vereinbar? Ist es nicht naturverträglicher und ethischer, mit Kindern gut gemachte Tierdokumentationen über Wildtiere in fernen Gebieten anzusehen – vielleicht auch in 3D in einem Imax-Kino? Und lernen Kinder nicht viel mehr über die Natur und Tiere, wenn sie Ausflüge in Wald und Wiese unternehmen? Statt von einem Hochstand auf Tiere zu schießen, können in der Höhe ein Picknick veranstaltet und mit etwas Glück Hase, Reh oder Hirsch beobachtet werden. Über die Natur lernen, kann nur, wer sich als Teil von ihr begreift, seinen Platz darin findet und achtsam mit ihr umgeht.

Das dekorierte Gefängnis

Die großen europäischen Zoos haben sich seit den Menagerien des 19. Jahrhundert zwar weiterentwickelt. Die Gehege sind größer, man versucht, den Tieren durch Bewegungsprogramme wie Futtersuche zumindest die allerschlimmste Langeweile zu zerstreuen. Durch aufgemalte Landschaften, Pflanzenarrangements, Baumstämme, angedeutete Sanddünen und andere architektonische Elemente soll den Besuchern der Eindruck vermittelt werden, sich im Dschungel oder der Savanne zu befinden, Gitterstäbe und Betonwände werden kaschiert. Für die darin eingesperrten Tiere bleibt es ein schön dekoriertes Gefängnis, in dem sie ihr arttypisches Wander-, Flug-, Schwimm- oder Jagdverhalten nicht ausleben können.

Eisbär, Zoo

Auf der Suche nach Eis und Meer… Foto: Pixabay (kloster21)

Die Beengtheit, die Langeweile der sich niemals verändernden Umgebung und die Beschäftigungslosigkeit führen bei Zootieren häufig zu gesteigerter Aggression oder zu stereotypen Verhaltensweisen. Beispiele sind der ständig mit dem Kopf hin und her pendelnde Elefant, der Fisch, der sich das Maul an der Glaswand des Aquariums wund stößt, die Giraffe, die eine Gitterstange immer wieder an der gleichen Stelle ableckt oder der Strauß, der unablässig am Gehegezaun auf und ab läuft. Kommen Ihnen diese Bilder bekannt vor?

In besonders dramatischer Weise ausgeprägt sind diese Verhaltensweisen oft bei Zootieren in fernen Urlaubsländern, wo die eingesperrten Tiere unter katastrophalen Bedingungen dahinvegetieren müssen. Jedes Besucherticket fördert das Weiterbestehen dieser Einrichtungen. Aber auch in Österreich sind die Haltungsbedingungen in manch kleinem Tierpark auf einem sehr niedrigen Standard und die Tiere müssen ihr Dasein in noch viel kleineren Käfigen als in den bekannteren, größeren Zoos fristen.

Der Zoo – eine moderne Arche Noah?

Auch das Argument, mit dem Zoos als wichtige Einrichtungen verteidigt werden, verliert bei näherer, differenzierter Betrachtung an Schlagkraft. Es ist sicher richtig, dass einige Arten schon ausgestorben wären, würde ihr Fortbestand nicht durch Zucht- und Arterhaltungsprogramme der Tiergärten gesichert werden. Allerdings würden wir besser daran tun, die Lebensräume dieser Arten zu schützen und ihr Überleben in ihrer Heimat zu gewährleisten. Nur dort können sie ihr artspezifisches Verhalten ausleben, nur dort liefert die Beobachtung dieser Tiere sinnvolle wissenschaftliche Erkenntnisse. Im Zoo verkommen diese Tiere zu Zerrbildern ihrer selbst.

In der mythologischen Arche Noah wurden die Tiere nach der Flut wieder in die Freiheit entlassen. Die Tiere in den Zoos befinden sich allerdings nicht dort, um irgendwann wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Sie befinden sich dort, weil das Wirtschaftsunternehmen Zoo mit ihnen Geld macht. Einige wenige Auswilderungsstationen sind die Ausnahmen.

Viel zu wenig bekannt ist, dass Tiergärten nach wie vor Tiere aus der freien Wildbahn beziehen, teilweise über außereuropäische Drittländer. Auf der anderen Seite werden nicht mehr erwünschte, aus verschiedenen Gründen “ausgediente” Tiere an Tierhändler oder in Tierparks in Entwicklungsländern abgeschoben, wo die Haltungsbedingungen noch schlimmer sind.

Arterhaltung oder Profit?

Schließlich muss auch die Frage gestellt werden, warum – wenn Arterhaltung so wichtig ist – nur etwa ein Viertel der bedrohten Säugetierarten in Zoos zu finden sind. Und warum werden nur neun Prozent der bedrohten Vogelarten in Zoos gehalten? Und warum sogar nur drei Prozent der bedrohten Amphibienarten, obwohl ihre Unterbringung leichter zu bewerkstelligen wäre als die der großen Säuger? Die Antwort: Amphibien sind nicht attraktiv genug für die Zoobesucher. Aber was ist nun wichtiger, Arterhaltung oder die Attraktion für die breite Masse? (Quelle: www.mpg.de)

Panda

Marketingtool oder Artenschutz? Foto: Pixabay (sharonang)

Apropos Attraktion: Besonders Tierbabys ziehen das Publikum an. Bevorstehende Geburten werden in Medien vorangekündigt, Babyfotos zieren dann Plakate und Werbeschaltungen. Was passiert aber mit den niedlichen Babys, wenn diese größer werden? Im Zoo herrscht Platzmangel, die Vermittlung an andere Zoos ist oft schwierig. Durch die Erhaltungszuchtprogramme und den entsprechenden Austausch sind viele Tiere in den europäischen Zoos bereits miteinander verwandt, Paarungen würden so zu Inzucht führen würden. Deshalb wurde im Februar 2014 in einem dänischen Zoo der gesunde, halbwüchsige Giraffenbulle Marius erschossen und an die Löwen verfüttert. Man wusste schlichtweg nicht, wohin mit ihm. Als Tierbaby war er ein Besuchermagnet. Marius ist kein Einzelfall. Die britische Zeitung The Independent zitiert die geschäftsführende Direktorin der European Association of Zoos and Aquaria (Eaza), Dr. Lesley Dickie, der zufolge in Europa jedes Jahr zwischen 3.000 und 5.000 gesunde Zootiere getötet werden. (Siehe: www.independent.co.uk)

Apropos Futtertiere

Viele Tiere in den Zoos sind Raubtiere: Löwen, Tiger, Panther, Ozelots, Geparde, Leoparden, Wölfe, Bären, Luchse, Krokodile, Schlangen, Otter, Eisbären, Raubvögel und Raubfische. Sie alle müssen regelmäßig gefüttert werden. Dafür nötig sind riesige Mengen Fleisch. Zum Teil werden Zoos etwa mit Eintagsküken (den “ausgemusterten” ungewollten männlichen Küken der Eierproduktion) versorgt. Überzählige Tiere – auch aus Streichelzoos – werden ebenfalls getötet und verfüttert, ausgediente Pferde von Schlachthöfen gekauft. Tausende Fische, zehntausende Futterinsekten sind ebenso für jeden Zoo ein Muss, um seine Insassen zu ernähren. Außerdem hat jeder Tiergarten eigene Mäusezuchten – auf die Tiere wartet ein Schicksal als Lebendnahrung für Schlangen. Keine faire Situation wie in freier Natur, wo das Beutetier immer eine Chance auf Flucht und Überleben hat.

Gefangene Fische

Ob Delfinarien, Großaquarien, Freizeitparks mit Meeressäugern oder Häuser des Meeres – auch hierbei handelt es sich um Tiergefängnisse. Die Fische und Meeressäuger sind in für ihre Verhältnisse viel zu kleinen Aquarien und Becken untergebracht. In Freiheit schwimmen Orcas (Schwertwale) und Delphine bis zu 150 Kilometer am Tag und tauchen bis zu 300 Meter in die Tiefe. In Delphinarien stehen ihnen nur kleine Becken von einigen Quadratmetern zur Verfügung.

Delphinarium

Delfinarium, Foto: Pixabay (federicoghedini)

Delfine und Orcas haben ein sehr gutes Gehör und orientieren sich mithilfe eines Art Echolots, das der Erzeugung und Wahrnehmung von Ultraschall-Lauten unter Wasser dient. In den engen Betonbecken hallen ihre eigenen Schallwellen von den Wänden zurück, was manche Delfine zum Wahnsinn oder sogar in den Selbstmord treibt.

Ehemalige Trainer berichten, dass Delfine für Kunststücke abgerichtet werden, indem man sie hungern lässt und nur füttert, wenn sie die erwünschte Aktion ausführen. Als Bestrafung sollen die hochsozialen Tiere sogar in Einzelbecken gehalten werden. Während sie in Freiheit 40-50 Jahre alt werden können, sterben sie in Gefangenschaft meist vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr. Und Orcas in Gefangenschaft werden selten älter als zehn Jahre, Orca-Kühe in Freiheit leben hingegen an die 50 Jahre, Orca-Bullen rund 30 Jahre. Die jährliche Sterblichkeitsrate in Freiheit beträgt bei Orcas im Durchschnitt 2,3 %, in Gefangenschaft zwischen 6,2 und 7,0 % (Quelle: Wikipedia)

Delfine schwimmen im Meer gemeinsam in sogenannten Schulen, die aus hunderten von Tieren bestehen können. Zu diesen Familienverbänden gehören Mütter, ihre Kinder und deren Kinder. Sie bleiben ein Leben lang zusammen. Auch das ist im Delphinarium nicht möglich.

Ähnlich ergeht es den Orcas. Familien in Gefangenschaft werden aus verschiedenen Gründen immer wieder auseinander gerissen. Sei es aus Platzmangel oder weil ein Weibchen erneut trächtig werden soll. Das wird sie aber nicht, solange sie sich intensiv um ihr jüngstes Kind kümmert. Also wird dieses an ein anderes Delfinarium verkauft.

Streichelzoo

Ziegen, Schafe, Esel, Ponys, Meerschweinchen, Kaninchen, Lamas, Hühner oder auch Schweine – das sind die “klassischen” Tierarten, die in Streichelzoos anzutreffen sind. Häufig wird dabei auf die Bedürfnisse der Tiere nicht ausreichend Rücksicht genommen. So fehlen Rückzugsräume, in die die Tiere ausweichen können, wenn ihnen der Kontakt zu den Kindern zu viel wird. Oft ist das Gehege zu klein oder die Zusammensetzung der Tierarten nicht passend. Kaninchen etwa sind häufig in Streichelzoos anzutreffen. Kinder nehmen diese scheuen Fluchttiere gerne auf den Arm. Wenn ihnen die Möglichkeit zur Flucht genommen ist, verfallen Kaninchen in eine Art Schockstarre. Das Stillsitzen auf dem Arm bedeutet nicht, dass ihnen das angenehm ist und sie gerne gestreichelt werden.

Besonders junge Tiere ziehen Kinder an und sind ständiger menschlicher Zuwendung ausgesetzt, so können sie zu wenig ihrem natürlichen Ruhebedürfnis nachkommen. Eine eingeschränkte Besucherzeit und die garantierte Anwesenheit einer Aufsichtsperson sind leider Seltenheit. Tiere sind kein Spielzeug, das nach Lust und Laune gestreichelt und dann wieder weggelegt werden kann. Für eine tiefe Begegnung auf Augenhöhe zwischen Mensch und Tier sind Streichelzoos sicher nicht der richtige Ort.

Ziege, Streichelzoo

Individualdistanz und Ruhezeiten müssen auch im Streicheln respektiert werden. Foto: Pixabay (MIH83)

Die Erhaltung natürlicher Lebensräume macht Zoos obsolet 

Als Konsumentinnen und Konsumenten müssen wir uns auch in diesem Bereich Fragen stellen: Wollen wir mit unseren Eintrittstickets das System Zoo unterstützen? Wollen wir unseren Kindern vermitteln, dass Tiere Schau-, Zucht- und Streichelobjekte sind und dass es in Ordnung ist, Tiere in Gefangenschaft, weit weg von ihrer natürlichen Heimat einzusperren? Haben wir wirklich das Recht, Tiere in beengten Raumverhältnissen zu halten, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr artspezifisches Verhalten und ihren Bewegungsdrang auszuleben?

Eine Alternative gesucht? Investieren Sie das Geld, das Sie für den Zoobesuch/die Zoobesuche aufgewendet hätten, in Projekte zur Wiederaufforstung, zur Lebensraumerhaltung oder in Auswilderungsprogramme.

Links und Buchtipps:

  • “… und hinter tausend Stäben keine Welt! Die Wahrheit über Tierhaltung im Zoo” von Stefan Austermühle, Rasch und Röhring Verlag, ISBN: 3924044619
  • “Tiere klagen an” von Antoine Goetschel, ISBN: 3596191000
  • www.zeit.de (Artikel von Hilal Sezgin über Tierrechte, Zoos und Ethik.)
  • www.bornfree.org.uk (Die Born Free Foundation setzt sich für bedrohte Wildtierarten ein und bemüht sich darum, dass Wildtiere in ihren natürlichen Habitaten verbleiben können, was den Schutz dieser Lebensräume voraussetzt. Die Berechtigung von Zoos wird kritisch hinterfragt.)
  • www.prowildlife.de
  • www.peta.de/zoo
  • www.peta.de/delfingefaengnisse
  • www.captiveanimals.org  (Die britische Tierrechtsorganisation hinterfragt Zoos kritisch und stellt viele Informationen bereit.)
  • www.animal-public.de
  • www.greatapeproject.de/zookritik/ (Artikel über die Geschichte der Kritik an Zoos in Europa. Das Great Ape Projekt fordert Freiheit und Grundrechte für die großen Menschenaffen. Die Organisation wurde von den Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer gegründet. Das für das Projekt ausschlaggebende Buch “The Great Ape Projekt: Equality Beyond Humanity” ist derzeit nur auf Englisch lieferbar, ISBN: 978-0312118181)
  • www.endzoo.at Von österreichischen und deutschen Tierschützern gegründete Plattform, die über Missstände in Zoos informiert.
  • www.zootierliste.de Datenbank mit fast allen europäischen Zootierhaltungen und Informationen über deren Herkunft (soweit bekannt).
  • www.gastonlacombe.com Bilder aus dem Zooalltag, fotografiert von dem kanadischen Fotografen Gaston Lacombe.
  • Filmtipp: Free Willy (1-3) auf DVD erhältlich.
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