Infothek WissenWissen

Vom Unglück, als Schwein auf die Welt zu kommen

Schwein Freilandhaltung
Männliche Ferkel werden ohne Narkose kastriert, Muttersauen monatelang in körpergroße Käfige gesperrt – kein Tageslicht, kein freies Herumgehen, stattdessen Stehen auf durchlöcherten Böden, im Gestank der eigenen Exkremente, durch Kraftfutter zu viel zu schnellem Wachstum gezwungen, Verabreichung von Antibiotika, Hormonen und Psychopharmaka: Das alles gehört zum Horror-Alltag der Schweine in diesem Land. In Österreich leben rund 2,7 Millionen Schweine, der Anteil an Bioschweinen beträgt nur 1%, die restlichen 99%  müssen unter extrem unnatürlichen und unwürdigen Haltungsbedingungen ihr Dasein fristen bis sie im Schlachthof landen. Trotz immer wieder auftretender Lebensmittelskandale und der massiven Ausbeutung der Tiere ist Schweinefleisch das beliebteste Fleisch der Österreicher.
Schwein Freilandhaltung

Die Realität in Österreich sieht leider anders aus (Foto: Pixabay, Mutinka)

Das Schwein: intelligent, reinlich und sehr sozial

Schweine sind hochintelligente und soziale Lebewesen. Halten sich Hausschweine in ihrem natürlichen Lebensraum auf, zeigen sie noch heute dieselben Verhaltensmuster wie ihre Vorfahren, die Wildschweine. Zu ihren Grundbedürfnissen gehören ein ausgeprägtes Sozialverhalten, Ruhen auf sauberem Untergrund, viel Bewegungsfreiheit zum Laufen, Gehen und Erkunden sowie vielfältige Verhaltensweisen zur Nahrungsbeschaffung wie Wühlen oder Scharren in der Erde.

Entgegen ihres Rufes sind Schweine außerordentlich reinliche Tiere. Das Ausführen ihres natürlichen Körperpflegeverhaltens trägt erheblich zu ihrem Wohlbefinden bei und dient der Thermoregulation und Hautpflege. Sie suhlen sich im Schlamm, um sich abzukühlen und Parasiten abzuwehren oder kratzen sich an Bäumen. Außerdem achten sie strikt darauf, ihren Schlafbereich von ihrem Kot- und Harnplatz zu trennen. Die Berücksichtigung dieser Bedürfnisse ist Voraussetzung für die physische und psychische Gesundheit der Tiere, doch in der Intensivtierhaltung ist es den Tieren unmöglich, ihre natürlichen Triebe auszuleben.

Die Sau: Gebärmaschine im körpergroßen Käfig

Meist mit nur sieben Monaten wird eine Jungsau das erste Mal künstlich besamt. Damit sie empfängnisbereit ist, erhält sie meist eine Hormonspritze. Meistens muss die Sau die gesamte Schwangerschaft in körpergroßen Käfigen, den sogenannten Kastenständen, verbringen – laut Tierindustrie erhöhe die Bewegungslosigkeit die Wahrscheinlichkeit, dass die Schwangerschaft erhalten bleibt. Zwar sind laut österreichischer Tierhaltungsverordnung die Sauen für den Zeitraum, der nach dem Decken beginnt und fünf Tage vor dem voraussichtlichen Abferkeltermin endet, in Gruppen zu halten. Hier gibt es jedoch zahlreiche Ausnahmeregelungen und so müssen viele Tiere dennoch in Einzelbuchten auf engstem Raum und ohne Kontakt zu ihren Leidensgenossen leben.

Etwa fünf Tage vor dem zu erwartenden Abferkeln (Geburt der Ferkel) wird die Sau in den Abferkelstall gebracht und wieder in einen körpergroßen Käfig gesteckt. Die Industrie bezeichnet diese Käfige als Abferkelgitter oder beschönigend „Ferkelschutzkorb“. Er ist aber nur eine Variante des Kastenstands und genauso klein: Die Sau kann nicht einmal zwei Schritte vorwärts gehen, geschweige denn sich umdrehen oder biegen. Wenn es irgendwo juckt, kann sie sich nicht kratzen. Wenn sie sich auf die Seite legt, drückt das Gestänge in Rücken und Bauch. Lediglich gerade aufstehen und niederlegen ist möglich. Der Boden ist ein Voll- oder Teilspaltenboden, durch den die Exkremente in einen unter dem Boden befindlichen Zwischenraum fallen – dadurch muss nicht ausgemistet werden. Die Schweine – sie haben einen noch feineren Geruchssinn als Hunde – leiden massiv unter dem Gestank und den scharfen Ausdünstungen. Weiters verursachen die Spalten im Boden ihren Fußgelenken Schmerzen.

Kastenstand Schwein

Kastenstand in einer Abferkelbucht – die beschämende Realität (Foto: Wikimedia Commons, Maqi, CC BY-SA 3.0)

In freier Wildbahn sondern sich die trächtigen Säue einige Tage vor der Geburt von ihrer Familiengruppe ab und bauen ihr Nest mit Ästen, Stroh, Gras. Im Kastenstand kann sich die Sau weder frei bewegen noch ihren Liegeplatz sauber halten oder sich beschäftigen. Der Kastenstand ist Teil der Abferkelbucht. Durch die Metallstäbe wird die Muttersau von ihren Ferkeln getrennt, die Neugeborenen können lediglich unter den Stangen zu den Zitzen der Mutter gelangen, aber keine Beziehung zu ihr aufbauen. Kein Ablecken, kein Liebkosen, kein Kuscheln – die natürlichsten Handlungen zwischen Mutter und Kind sowohl beim Säugetier Mensch als auch beim Säugetier Schwein – sind nicht möglich. Nach etwa vier Wochen Säugen werden die Jungen von ihrer Mutter getrennt und die Sau wird oft unmittelbar danach wieder besamt. Der schreckliche Zyklus beginnt von vorne. Da die Tiere aufgrund der unnatürlichen Haltungsbedingungen und Überzüchtung schnell erkranken, werden sie geschlachtet, sobald sie die gewünschte Leistung von 20 oder mehr (!) Ferkeln im Jahr nicht mehr erbringen.

Die viel zu häufigen Besamungen und Geburten führen automatisch und in Kauf genommen dazu, dass es vermehrt „moribunde“ Ferkel gibt. Diese todgeweihten Ferkel sind entweder zu klein geboren oder zu schwach. Sie werden ausgemustert und getötet. Das Mutterschwein hat auch nur 14 Zitzen, die unterschiedlich viel Milch geben.

Erlaubte Eingriffe bei Ferkeln – alles ohne Narkose

Als wäre es für die neugeborenen Ferkel nicht schon schlimm genug in einer Metallbox zur Welt zu kommen und viel zu früh von der Mutter getrennt zu werden, müssen sie in ihrer ersten Lebenswoche auch noch zahlreiche äußerst schmerzhafte Prozeduren über sich ergehen lassen – gänzlich ohne Narkose. Wegen der absolut nicht artgerechten Haltungsbedingungen kommt es immer wieder zu Aggressionen zwischen den Jungtieren. Damit sich die Tiere in ihrer Verzweiflung nicht gegenseitig oder selbst weh tun, werden den Ferkeln die Eckzähne abgeschliffen: Die im Zahninneren befindlichen Nerven werden dabei freigelegt, was bei den Jungen zu fürchterlichen Schmerzen führt, die manchmal tagelang andauern können. Auch das Kupieren des Schwanzes ohne Narkose ist Routine, hier kommt es ebenfalls zu akuten und sogar chronischen Schmerzen. In der österreichischen 1. Tierhaltungsverordnung ist zwar festgeschrieben, dass das Kupieren nur bis zum 7. Lebenstag erlaubt ist und nur wenn damit weitere Verletzung verhindert würden. Ein prophylaktisches Kupieren wäre damit ausgeschlossen, in der Praxis wird es dennoch routinemäßig gemacht.

Die allerschlimmste Tortur, die die kleinen Ferkel erleiden müssen, ist wohl die Kastration – ohne Narkose – bei vollem Bewusstsein. Wie in den meisten EU-Ländern werden auch in Österreich alle männlichen Ferkel  in der ersten Lebenswoche kastriert. Hintergrund: Ein kleiner Prozentsatz der männlichen unkastrierten Schweine entwickelt den typischen sogenannten Ebergeruch. Der Konsument schätzt diesen nicht, weswegen das Fleisch nicht verkäuflich wäre. Um einen solchen wirtschaftlichen Nachteil zu verhindern, werden alle männlichen Ferkel kastriert. Österreich wie die meisten EU-Länder schreiben eine Narkose nicht vor, wenn das Tier nicht älter als sieben Tage alt ist. Der Eingriff wird vom Landwirt beziehungsweise dem landwirtschaftlichen Personal der Tierindustrie durchgeführt. Mit Kastrationszangen wird der Hodenstrang herausgerissen. Die schreienden und zappelnden Schweine erleben bei vollem Bewusstsein die akuten Operationsschmerzen. Erst seit Oktober 2017 ist per Gesetz die Verabreichung eines Schmerzmittels (etwa Metacam) vorgeschrieben. Dieses wirkt aber eben nur wie ein Schmerzmittel, vergleichbar mit einer Kopfwehtablette. Es lindert maximal die tagelang andauernden postoperativen Schmerzen. Den qualvollen, akuten Operationsschmerz lindert es natürlich nicht.

Österreich hinkt nach

Bereits im Jahr 2010 wurde die „Europäische Erklärung über Alternativen zur chirurgischen Kastration bei Schweinen“ unterzeichnet. Darin verpflichteten sich zahlreiche, maßgebliche europäische Akteure aus Schweinebranche und Handel (gemeinsam mit mehreren NGO’s), die chirurgische Kastration in der EU bis 2018 abzuschaffen. Das Problem: Die Erklärung ist rechtlich nicht bindend, sondern nur eine Absichtserklärung. Einige EU-Länder haben aber bereits konkrete Schritte gesetzt: In Belgien und Deutschland ist das gesetzliche Verbot der betäubungslosen Kastration bereits beschlossen. In Dänemark oder den Niederlanden gibt es Abkommen zwischen Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Handel, die bereits zu einer weitgehenden Abkehr von der betäubungslosen Ferkelkastration geführt haben. In einigen Ländern wird auch die Ebermast praktiziert, da bleibt den Ferkeln die Kastration überhaupt erspart. Und Österreich? Hier wird weiterhin – überspitzt formuliert – ein Aspirin verabreicht, bevor am lebendigen Leib operiert wird.

Mastschweine: Haltung wider die Natur

Die Lebensbedingungen der Mastschweine sind wenig besser als jene der Zuchtsauen. In der Schweinemast werden sowohl weibliche als auch männliche Tiere eingesetzt. 99% der Tiere kommen, außer bei der Fahrt zum Schlachthof, nie ins Freie, können nie an Blumen schnüffeln, im Bach baden oder über eine Wiese laufen. Hier leben die Tiere in riesigen abgedunkelten Hallen, die in kleine Abteile (Buchten) unterteilt sind, auf engstem Raum zusammen. Abhängig vom Körpergewicht stehen einem Schwein nur 0,2-1 m² zur Verfügung. Meist werden Betonspaltenböden oder Kunststoff- und Metallroste verwendet – Einstreu gibt es selten. Die Anbindehaltung ist zwar verboten, aber meist drängen sich so viele Schweine dicht an dicht aneinander, dass ohnehin kaum Bewegungsfreiheit möglich ist. Hier vegetieren die Schweine in Dämmerlicht vor sich hin… Die Ställe haben nur kleine abgeschirmte Fenster, durch die nur wenig Tageslicht dringt. Helles Licht würde die Tiere aktiver und bewegungsfreudiger machen, und das will die industrielle Tierproduktion nicht.

Mastschweine

Der Alltag von Mastschweinen: dicht zusammengedrängt auf Spaltenboden, ohne Suhlmöglichkeit, ohne Beschäftigung (Foto: Pixabay, Hans)

In der Natur verbringen Schweine etwa 70% ihrer Aktivität mit der Futtersuche, die Futteraufnahme im Stall nimmt nur 10 Minuten täglich in Anspruch. Hier wird den Tieren energiereiches Kraftfutter vorgesetzt, um das gewünschte Mastgewicht schnellstmöglich zu erreichen. Die prophylaktische Beigabe von Antibiotika bei der Schweinemast ist zwar seit einigen Jahren verboten, allerdings ist es weiterhin erlaubt, den Tieren Antibiotika zu verabreichen, wenn im Betrieb auch nur ein einziger Erreger gefunden wurde noch bevor Symptome zu erkennen sind. Es kommt dem Betrieb billiger, Antibiotika zu verabreichen, als die hygienischen Bedingungen in den Ställen zu verbessern.

Körperliche Leiden, Schmerzen und Verletzungen stehen bei der Intensivmast auf der Tagesordnung. Die Belastung durch die ammoniakhaltige Stallluft in den großen Hallen steigert zusätzlich die Aggression der Schweine und fördert die Entstehung zahlreicher Krankheiten. Aufgrund der schnellen Gewichtszunahme sind die Schweine am Ende der Mast oft kaum noch fähig zu gehen – ihr natürliches Knochenwachstum konnte mit dem unnatürlich erzwungenen Muskelfleisch-Wachstum nicht Schritt halten. Die meisten Schweine haben deshalb auch Gelenksprobleme. Die Zuchtschweine werden so lange gefüttert bis sie nach etwa 100-120 Tagen ein Gewicht von 100-120kg erreicht haben. Nun steht ihnen die letzte Station ihres kurzen Lebens bevor: der Schlachthof.

Massentransporte mit einer Massen“ware“ (Foto: Wikimedia Commons, Izvora, CC BY-SA 4.0)

Schnitzel kommt von Schneiden

Im Jahr 2016 wurden in Österreich fast 5,3 Millionen Schweine geschlachtet. Im Durchschnitt isst jeder Österreicher rund 38 kg Schweinefleisch im Jahr. Allein diese Zahlen deuten schon an, dass es bei der Schweinefleischproduktion vor allem schnell und kostensparend zugehen muss. Und so passiert das auch – von der Geburt bis hin zum Schlachthof.

Auf dem Transporter, auf den sie getrieben werden, und dann im Schlachtbetrieb treffen die Tiere, die nichts außer ihre enge Bucht kennen, auf eine unbekannte Umgebung und fremde Artgenossen, was zu Unruhe und immensem Stress führt. Zusätzlich werden am Weg zum Schlachthof bei bewegungs-verweigernden Schweinen elektrische Treibstöcke verwendet. Der äußerst gut ausgeprägte Geruchssinn der Tiere führt wiederum dazu, dass sie das Blut ihrer Artgenossen riechen und in Todesangst geraten.

Vor der Schlachtung werden die Tiere nicht selten unzureichend betäubt und wachen deshalb vor oder während der eigentlichen Tötung wieder auf. Die gängigsten Betäubungsmethoden sind Begasen mit Kohlendioxid oder Elektroschocks. Bei der Betäubung mit Kohlendioxid leiden die Tiere während des Erstickens stark, doch sämtliche Fluchtversuche und Strampelbewegungen können sie nicht mehr retten. Bei der Elektroschockbetäubung werden die Tiere vollautomatisch mit einer Betäubungszange, die am Kopf angesetzt wird, betäubt. Danach beginnt das Entbluten: Das Tier wird aufgehängt, seine Halsschlagader durchgeschnitten.

Schlachthof Schwein

Für´s Schnitzel das Leben geben (Foto: Pixabay, BlackRiv)

Fleisch aus Massentierhaltung – und oft aus dem Ausland

Wie bereits erwähnt, stammt das in Österreich konsumierte Schweinefleisch zu 99% aus Massentierhaltung. Weidehaltung von Schweinen gibt es nur in einer handvoll Betrieben. Oder hast du schon jemals Schweine im Freien, auf einer Weide gesehen?

Wer in Österreich Schweinefleisch kauft, eine Wurstsemmel isst oder im Restaurant einen Schweinsbraten bestellt, sollte auch bedenken, dass ein großer Anteil des Schweinefleisches aus Ländern importiert wird, in denen die Tierhaltungsstandards noch niedriger sind und unter kostensparendsten Bedingungen „produziert“ wird.

Quellen und weiterführende Links

Dieser Artikel ist zugeordnet zu Lokale & HotelsLebensmittel

MassentierhaltungSchlachtungFleischSchweine