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Falsch gehaltener Hase – Problemfall Kaninchenmast

Egal ob in Kinderreimen, Märchen oder Fabeln: Hasen und Kaninchen gelten als Sinnbild von freien und bewegungslustigen Tieren, die es lieben, über Felder, Wiesen und durch Wälder zu jagen. Dieses Verhalten liegt in ihrer Natur. Tragischerweise werden in der EU Nutzkaninchen zur Fleisch- oder Wollerzeugung (Angorawolle) dennoch oft in Käfigen oder beengten Ställen gehalten.

(Foto: © Jo-Anne McArthur / Animal Equality)

In freier Wildbahn

Betrachtet man Kaninchen in der Wildnis, wird einem schnell klar, dass es sich bei ihnen um soziale Tiere handelt. Sie leben in Gemeinschaften aus maximal drei Männchen, mehreren Weibchen und deren Jungen. Sie betreiben gegenseitige Fellpflege, schlafen in Gruppen und graben tiefe Erdhöhlen mit mehreren Dutzend Räumen und noch mehr Tunneln, die diese verbinden. Im Bau sind die Kaninchen geschützt vor Fressfeinden. Bemerkt eines von ihnen Gefahr, trommelt es mit den Pfoten auf den Boden, um die anderen Mitglieder der Gemeinschaft zu warnen.

Probleme der Käfighaltung

Noch vor wenigen Jahren wurden Mastkaninchen in Österreich in Käfigen gehalten. In den meisten europäischen Ländern ist das noch immer der Fall. Diese engen Käfige verfügen über keine Einstreu und sind mit Drahtgitterböden versehen. Die Tiere sind in ihrer Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt und sehr eng zusammengepfercht oder in einzelnen Käfigen völlig alleine ohne soziale Kontakte zu anderen Kaninchen. In freier Wildbahn schlafen die Nager in Gruppen. Das vermittelt ihnen Geborgenheit, Sicherheit und ist ein natürliches Bedürfnis. In industrieller Käfighaltung nehmen die Tiere unnatürliche und unbequeme Positionen ein, um auf den Drahtgitterböden irgendwie zur Ruhe zu kommen.

Ein weiteres Problem stellt die Aufzucht dar. Die Zibben (Mutterkaninchen) haben keine Möglichkeit, Abstand von ihren Jungen zu nehmen. Das führt zu einem gestörten Mutter-Kind-Verhältnis. Mitunter werden die Jungtiere von ihren Müttern sogar totgebissen.

Auch im restlichen Sozialverhalten ergeben sich Probleme. Kaninchen haben gruppeninterne Rangordnungen. Abhängig von diesen suchen sie Nähe oder Abstand zu ranghöheren oder rangniedrigeren Tieren. Die Möglichkeiten dafür sind durch die Käfighaltung stark eingeschränkt. Dadurch werden die Nager aggressiv und Verletzungen sind die Folge. Bei männlichen Tieren kommt es oft zu Hodenbissen und bei weiblichen sind Verletzungen der Ohren an der Tagesordnung. Vor allem rangniedere Kaninchen leiden besonders unter den beengten Verhältnissen. Der hohe Stress äußert sich oftmals durch Magen-Darm-Erkrankungen.

In freier Wildbahn nehmen die Tiere verteilt über etwa 90 Mahlzeiten pro Tag sehr raufaserreiches Futter zu sich. In Käfighaltung hingegen werden die Kaninchen mit Kraftfutter versorgt, was für schnelles Wachstum und Gewichtszunahme sorgen soll. Dadurch verbringen sie nur noch 10-15% ihrer wachen Zeit mit Fressen. Durch den zusätzlichen Bewegungsmangel und die fehlende Möglichkeit ihre ständig nachwachsenden Zähne durch kontinuierliche Nahrungsaufnahme abzunutzen, ist den Tieren langweilig und sie haben Schmerzen.

Kaninchen

Kaninchen sind soziale Tiere mit großem Bewegungsdrang – industrielle Massentierhaltung kann niemals artgerecht für sie sein. (Foto: Pixabay, skeeze)

Neues Gesetz: Besser, aber nicht perfekt

Am 1. Jänner 2012 wurde die Käfighaltung von Kaninchen hierzulande verboten. Die heimischen Mastbetriebe stellten sogar noch etwas früher auf Buchtenhaltung um. Durch die neue Gesetzgebung, die vom Verein gegen Tierfabriken vorgeschlagen und durchgesetzt wurde, ist es unter anderem nun vorgeschrieben, den Kaninchen Nagematerial zur Verfügung zu stellen. Zudem muss nun Heu in einer Raufe bereitgestellt werden. Die Verwendung von Drahtgitterböden ist untersagt und die Tiere haben mehr Platz.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Haltung nun artgerecht wäre. 32 x 32 Zentimeter: So viel Platz muss für ein Kaninchen mit bis zu 1,5 Kilogramm zur Verfügung stehen. Bei erwachsenen Tieren beläuft sich die Fläche pro Kaninchen auf 77 x 77 Zentimeter. Auch das ist für die Kaninchen nicht viel. Sie können ihrem Bewegungsdrang nicht nachgehen und auch keine Höhlen graben. Die gesetzliche Verschärfung, die dringend nötig war, ist zwar aus der Tierschutzperspektive zu begrüßen – es ist allerdings immer noch viel Raum für Verbesserungen. Es ist beispielweise nicht verpflichtend für Auslauf im Freien zu sorgen.

Die Entwicklung von Käfighaltung zu Buchtenhaltung bei der Kaninchenmast ist ungefähr gleichbedeutend mit der Abschaffung von Legebatterien bei der Hühnerhaltung zugunsten der heute vorherrschenden Bodenhaltung. Ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht zufriedenstellend. Es ist zwar möglich Kaninchen im Freien zu halten, doch wirtschaftlich gesehen würde es kaum Sinn machen. Ungefähr 20% der Tiere schlüpfen durch den Zaun bzw. graben sich unter ihm durch und fallen Fressfeinden zum Opfer. Durch diese hohe Ausfallquote werden die Tiere kaum in Außengehegen gehalten.

Natürliche Lebenserwartung vs. Schlachtalter

In freier Wildbahn erreichen Kaninchen ein Alter von bis zu 10 Jahren. In der Zucht zur Fleischgewinnung werden sie allerdings in der Regel bereits nach 10-12 Wochen geschlachtet. Dazu werden die Tiere mit Elektroden am Kopf oder einem Bolzenschussgerät betäubt. Diese Methoden sind nicht sehr zuverlässig und versagen oft. Manchmal ist die Elektozange defekt; in anderen Fällen trifft der Bolzen nicht das Gehirn, sondern Auge oder Nase des Kaninchens. Die Schlachtung erfolgt mittels Durchschneiden der Halsschlagader oder Abtrennung des Kopfes. Selbst für den Fall, dass die Elektrobetäubung funktioniert, so wirkt sie trotzdem nur eine Minute. Der Vorgang muss deshalb schnell gehen, da das Tier sonst bei vollem Bewusstsein verblutet.

Kaninchen in einem spanischen Schlachthof (Foto: © Jo-Anne McArthur / Animal Equality)

Wie können wir die Situation verbessern?

Obwohl sich die Haltungsbedingungen in den letzten Jahren massiv verbessert haben, sollten wir drei Dinge nicht vergessen:

  1. Die Kaninchen leiden noch immer unter Platzmangel, Stress und Langeweile. Sie können den meisten ihrer natürlichen Triebe nicht nachgehen und fristen auch in der Buchtenhaltung meist ein trauriges (und sehr kurzes) Dasein.
  2. Selbst die wenigen Tiere, die im Freien gehalten werden und es im Vergleich zu ihren eingepferchten Cousins noch sehr gut haben, bekommen nur einen Bruchteil der Bewegung, die sie eigentlich brauchen würden.
  3. Die Schlachtmethode und meist auch das Schlachtalter sind bei beiden Haltungsformen ident.

Die Lösung des Problems ist denkbar einfach. Verzichten Sie auf Kaninchenfleisch und Produkte wie zum Beispiel Angorawolle. Auch als Haustiere sind Kaninchen ungeeignet. Falls Ihre Kinder also ein Tier wollen, kaufen Sie ihm am besten einen Stoffhasen – bei dem ist die artgerechte Haltung nicht ganz so schwierig ;-).

Und nicht zu vergessen: Noch bis 11. September 2019 können Sie die EU-weite Petition gegen Käfighaltung mit Ihrer Stimme unterstützen. Denn auch wenn Österreich Vorreiter im Verbot der Käfighaltung für Mastkaninchen ist, wird weiterhin Kaninchenfleisch – beispielsweise aus Deutschland – importiert, das aus Käfighaltung stammt.

 

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