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Der globale Teufelskreis

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Die Welt ist groß. Die Welt ist klein. Es ist schön, wenn wir wissen wie es auf der gegenüberliegenden Seite der Erde aussieht, wenn wir die Menschen dort und ihre Kultur kennenlernen. Wenn wir uns austauschen und vielleicht sogar zusammenwachsen. Wenn dieser globale Austausch aber vorwiegend von Macht- und Geldanhäufung motiviert ist, dann droht er fehlgeleitet zu werden. Und er ist bereits mehr als fehlgeleitet. Es ist höchste Zeit zu erkennen, dass Wirtschaft und ethisches Verhalten kein Widerspruch sein müssen und es auch nicht sein dürfen.
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Ans andere Ende der Welt (Foto: Pixabay, Andy_Graf)

Woher kommen unsere Konsumgüter?

Die Entwicklung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte war so rasant, dass die meisten Menschen gar keine Vorstellung davon haben, wie die internationalen Marktmechanismen heutzutage funktionieren. Auf seltsame Weise sind wir von den Produkten, die wir tagtäglich benutzen, vollkommen entfremdet. Wir haben nicht den geringsten Einblick in ihren Herstellungsprozess. Woher kommen sie oder woher kommen die einzelnen Bestandteile, wie wurden sie gefertigt, unter welchen Bedingungen?

Wer weiß schon, welche Geschichte das Paar Schuhe hat, das man gerade trägt. Vielleicht stammt das Leder aus Indien, gegerbt wurde der Schuh aber in Afrika, zugeschnitten und zum fertigen Schuh verarbeitet wurde er in Portugal. Wer weiß schon, dass die Baumwolle für seine Jeans in Kasachstan angebaut, die Faser dann in der Türkei zu einem Garn versponnen, das Garn in Taiwan zu einem Stoff gewebt, der Stoff in Tunesien gefärbt und in Bulgarien „veredelt“ (also mit Chemikalien weich und knitterarm gemacht) wurde, woraufhin in China die Jeans zugeschnitten und genäht wurden, um am Ende zum Beispiel in Deutschland mit dem Firmenetikett versehen zu werden.

Da blickt keiner mehr durch

Das Chaos hat Methode, darf man meinen, denn so ist der Herstellungsprozess auch viel schwerer zu überwachen. Wer bekommt schon mit, dass ArbeiterInnen auf den Baumwollplantagen früh sterben, weil sie der dauernde massive Einsatz von Pestiziden krank macht? Wer bekommt schon mit, dass für diese Pestizide und die Düngemittel immer wieder neue grauenhafte Tierversuche gemacht werden? Wer bekommt schon mit, dass die ArbeiterInnen in den Färbereien nicht ausreichend vor den giftigen Chemikalien und Dämpfen geschützt sind? Und wer bekommt schon mit, dass die Kühe in Indien mit gebrochenen Gliedern in die Schlachthöfe getrieben werden und man ihnen, wenn es nicht schnell genug geht, Chilischoten in die Augen drückt?

Wer aber die Scheuklappen ablegt, erkennt, dass die Ausbeutung von Menschen und Tieren und Umwelt meist Hand in Hand gehen: eine fehlgeleitete Welt. Deshalb ist es so wichtig, das mit unserem Konsumverhalten wieder gerade zu rücken.

Näherinnen

Näherinnen in einer Textilfabrik (Foto: flickr.com, Solidarität Center, CC BY 2.0)

Zwanzig Millionen Container

Eine fast unvorstellbar große Zahl, die jedes Jahr nur allein in den großen Seehäfen von Rotterdam und Hamburg ankommt. Dabei wurde Europa längst von Asien überholt. Allein im Hafen von Singapur werden jedes Jahr 28 Millionen Container umgeschlagen, wie es in der Fachsprache heißt, in Shanghai sind es 26 Millionen. Und so ein einzelner Standardcontainer fasst schon zwischen 33 und 86 Kubikmeter. Es wird also sehr sehr viel hin und her verschifft.

Hierher verschifft werden aber nicht nur die bestellten Waren, sondern auch noch etwas anderes. Wie vor einiger Zeit in den Nachrichtenagenturen zu lesen war, wurden Textilien und Schuhe aus China und Indien beim Einschiffen mit dem krebserregenden Nervengift Methylbromid besprüht. Es soll verhindern, dass die Textilien oder das Leder bei der Überfahrt von Schimmel befallen werden oder dass Schädlinge aus Übersee importiert werden. Im Idealfall verflüchtigt sich das Nervengift bei ausreichendem Auslüften. Hafenarbeiter, Zöllner und LKW-Fahrer können damit aber in Berührung kommen, wenn es noch nicht ausreichend ausgelüftet ist. Ausserdem verlangsamen die Folien-Verpackungen das Auslüften. Im schlimmsten Fall können auch noch VerkäuferInnen oder KäuferInnen beim Auspacken aus der Folie Methylbromid einatmen. Die Frage ist, ob wir KonsumentInnen derartige Mechanismen weiter als normal und gegeben hinnehmen wollen.

Apropos China

Ohne China geht gar nichts mehr. Man müsste sich mal die Mühe machen und auflisten, wie viel Prozent der Gegenstände im eigenen Heim aus China kommen: die Möbel, der Computer, der Fernseher, das Handy, die Kleidung, das Geschirr, ja sogar Biolebensmittel. Umgekehrt: was bliebe, wenn man Produkte, die in China gefertigt wurden, meiden wollte? Die chinesische Führung hat in den vergangenen Jahren strategisch äußerst geschickt agiert. Praktisch die ganze Welt lässt im Reich der Mitte produzieren. Weil es anders angeblich nicht geht. Weil die Produktion in China günstig ist und die sozialen und ökologischen Bedingungen „annehmbarer“. Für wen annehmbar? Firmen und Kontrolleure geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass die Kontrollen in China etwa für Biolebensmittel keineswegs unserem Niveau entsprechen. Seltsam auch, wenn chinesische LandarbeiterInnen auf riesigen Plantagen nicht einmal wissen, dass das, was sie hier anbauen, biologische Lebensmittel sind, oder sein sollen. Und ganz generell stellt sich die Frage, ob es nicht früher oder später problematisch wird, wenn Kreisläufe aus der Balance geraten, wenn praktisch nur mehr in China produziert wird?

Abgesehen davon, auch abgesehen von den langen Transportwegen, ist China immer noch ein Land, in dem es keine freien Wahlen gibt. In keinem anderen Land der Welt wird so oft die Todesstrafe verhängt. Dissidenten werden regelmäßig inhaftiert. Menschenrechte werden regelmäßig verletzt. Und es gibt eine große Kluft zwischen den wachsenden Wohlstandsschichten in Ostchina und der wachsenden Zahl der armen Menschen in den westlichen Regionen des Landes. Allein 130 Millionen Wanderarbeiter schuften kaum abgesichert für Hungerlöhne.

chinesische Billigwaren Spielwaren

Billiger Ramsch für den chinesischen Markt und für Übersee (Foto: Pxhere, CC0)

Pech hat, wer als Tier in China auf die Welt kommt

Traditionell wurden bzw. werden Tiere nicht als fühlende Wesen betrachtet – und so wurden und werden sie auch behandelt. Nie zuvor und nirgendwo zuvor hat die Autorin so viel geballte Grausamkeit gegenüber Tieren gesehen wie in China. Bis heute ist es eines der wenigen Länder, in dem es kein Tierschutzgesetz gibt. Das bedeutet: Tiere sind nicht schützenswert. Was immer jemand einem Tier antut, er muss mit keinerlei Strafe rechnen.

Dieses Land ist also der größte Geschäftspartner der westlichen industrialisierten – unserer – Welt. Und keiner hat ein Problem damit. Sämtliche Regierungschefs und Wirtschaftsbosse machen regelmäßig ihre Aufwartung in Peking – um noch ein paar Aufträge an Land zu ziehen. Nun müssen also wir als denkende und fühlende KonsumentInnen fragen, ob wir das so wollen. Und falls nicht, was wir tun können. Es geht nicht darum, China zu verteufeln. Menschen- und Tierrechtsverletzungen gibt es auch anderswo, auch bei uns. Aber es geht darum, die Dinge anzusprechen. China ist nicht weit weg. Jeder europäische Haushalt besteht zu einem guten Teil aus Produkten aus China. Es geht darum, einem aufstrebenden Land zu zeigen, dass man nicht über alles hinwegsieht, bloß um an billige Ware zu kommen. Es geht darum, zu zeigen, was man sich von einem guten Geschäftspartner erwartet. Und es geht auch um das Wiederherstellen einer Balance und das Zurückholen von Herstellungsprozessen nach Europa. Wir KonsumentInnen müssen hier unseren Teil beitragen, indem wir bewusst und mehrheitlich Produkte aus Europa kaufen.

Ethisches Konsumverhalten wirkt

Nicht heute, aber vielleicht schon morgen und spätestens übermorgen. Denn die Nachfrage bestimmt letztlich das Angebot! KonsumentInnen sollten ihre Macht nicht unterschätzen. Es waren wir Konsumenten und Konsumentinnen, die für ein so starkes Wachstum des Bio-Sektors gesorgt haben, um ein Beispiel zu nennen. Fragen wir also nach. Und hinterfragen wir auch die gegenseitigen Wechselwirkungen und Vernetzungen der einzelnen Wirtschaftszweige. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, welche Vorgänge wir mit dem Kauf von Kleidungsstücken, die aus konventioneller Wolle aus Australien gemacht wurde, unterstützen: Mulesing und das millionenfache Verschiffen der geschundenen Tiere in den Nahen Osten. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Lederindustrie und die Fleischindustrie eng miteinander verwoben sind und der Kauf eines Lederschuhs letztlich die Massentierhaltung und die Fleischindustrie stützt. (Siehe dazu auch unsere Artikel „Die blutige Spur der Wolle“, „Leid und Leder“, „Leder – weder natürlich noch fair“.)

Globalisierung

Zusammen mehr erreichen (Bild: Pixabay, geralt)

Ein Wort zu den Großkonzernen

Wir KonsumentInnen müssen auch die Frage stellen, ob wir mit einem Einkauf ein kleines, rundum ethisches Label unterstützten. Oder ob wir ein einigermaßen ethisch hergestelltes Produkt einer Megamarke kaufen, die auch viele nicht-ökologische (und oder nicht sozialverträgliche) Produkte in ihrem Angebot hat. Daran verdienen wird ja der gesamte Konzern. Die Antwort muss sich jeder selbst geben, auch auf Basis der eigenen Möglichkeiten. Und vielleicht ist der goldene Weg auch jener der Mitte: Die großen darin bestärken, ethischer zu werden, und die kleine zu unterstützen, damit sie den Standard und damit auch den Druck auf die Großen erhöhen.

Ein letztes Wort zu Betrug

Immer wieder mal kommt es vor, dass ein Fall von Betrug auffliegt. Etwa wenn Kleidung als aus Biobaumwolle verkauft wird und sich dann herausstellt, dass es sich nicht nur um konventionelle Baumwolle, sondern sogar um genmanipulierte handelt. Derlei Skandale werden oft ins Treffen geführt, um die eigene Gleichgültigkeit zu rechtfertigen, nach dem Motto: „Das ist doch eh alles nur Bio-Schmäh“. Aber faule Äpfel gibt es und wird es auch immer geben. Kein Grund, gleich die ganze Apfelernte wegzuwerfen. Es reicht, den faulen Apfel schnell genug herauszunehmen.

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