Neu und herausragend: „Artgerecht ist nur die Freiheit“ von Hilal Sezgin

Verlag C.H. Beck

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Mit diesem Buch der deutschen Autorin Hilal Sezgin ist es wirklich nicht leicht. Leuchtstiften geht die Farbe aus, Bleistiftspitzen zerbersten und schlussendlich ist auch noch jedes Buchseiten-Eck zu einem Eselsohr geknickt. Denn in diesem Text gehört so gut wie jeder Satz hervorgehoben,  fast jeder Absatz mit Rufzeichen versehen, jede Seite markiert.

Anders gesagt: Es fällt schwer, in „Artgerecht ist nur die Freiheit“ eine Idee oder einen Gedankengang nicht bemerkens- und unterstreichenswert, überzeugend, stringent und logisch zu finden.

Denn was Hilal Sezgin so beispielgebend gelingt, ist, mit leichter Hand und zugleich großem Ernst eine Brücke von der Tierrechtstheorie hin zum Alltag zu schlagen und vom Politischen hin zum Persönlichen – wenn es etwa um ihr eigenes Zusammenleben mit Katzen, befreiten Hühnern und einer Herde Schafe geht.

Selbst Tierrechtlerin, seit Kindheit Vegetarierin und seit einem Besuch einer Milchkuh-„Fabrik“ Veganerin, hat sie für ihr Buch nicht nur die Moralphilosophie auf ihre Haltung zu Tieren hin abgeklopft und hinterfragt, sondern auch über die (Massen)Tierhaltung recherchiert, landwirtschaftliche Fachliteratur gewälzt und Experten konsultiert.

Knapp, emphatisch, von Fakten untermauert und ohne sich in den Grausamkeiten zu verlieren, schildert sie die Leiden von Kühen und Kälber, Hühnern und Schweinen. Und sie hat herausgefunden, dass die Narkose für die Kastration männlicher Ferkel Landwirten 1,30 bis 2,50 Euro kostet – eine Geldausgabe, die bekanntlich gerne gescheut wird.

Hilal Sezgin

Zudem räumt sie mit Romantisierungen, Mythen, Missverständnissen und Verharmlosungen auf: mit der angeblich artgerechten Tierhaltung in Zoos, der „tierfreundlichen“ Mutterkuhhaltung oder der „liebevollen“ Schur von Schafen, die für die Tiere in Wahrheit eine von Todesangst und Schmerzen begleitete Qual bedeutet.

Vor allem aber versteht es Hilal Sezgin, engstirnige Argumentationsweisen mit plausiblen Argumenten zu begegnen. Tiere haben kein Bewusstsein und denken nicht an morgen? „Es wäre […] rätselhaft, warum man einem Tier das Leben nehmen dürfte, nur weil es nicht über Begriffe wie «Zukunft» oder «nächster Sommer» verfügt.“ Tierschützer sind doch radikal! „Wir schlachten in anderthalb Jahren mehr Tiere, als je Menschen auf der Welt gelebt haben. Was ist in diesem Zusammenhang also radikal: Das Plädoyer für ein Ende des Gemetzels – oder das Gemetzel?“ Aber Tiere wurden doch immer schon gegessen!! „Wären viele Kapitel der Menschheitsgeschichte vielleicht noch düsterer, wenn es nicht schon früher die Frage gegeben hätte: Dürfen wir dieses oder jenes tun – oder ginge es auch anders, zum Beispiel mit weniger Gewalt? Die entscheidende Frage ist daher nicht: Haben Menschen dies schon immer gemacht?, sondern: Dürfen wir es denn (heute) tun?“

Und nicht zuletzt nimmt sie auch Veganer in die Pflicht – indem sie sie daran erinnert, sich mit ökologischen Gedanken anzufreunden. Denn jegliche Unachtsamkeit gegenüber der Umwelt belaste auch die Tiere.

Vorbeigehen sollte an diesem Buch keiner. Nicht allein wegen der bereits erwähnten Kombination von inhaltlicher Stringenz und Mitgefühl. Sondern auch deshalb, weil – das spricht ebenfalls für den Text – manches für ein intensiveres Weiterdenken offen bleibt:  Woher resultiert der Mangel an Empathie, was sind die Ursachen von Sadismus, wie sie in der Landwirtschaft, im Tierlabor oder auch im Alltag Tiere und Menschen zu spüren bekommen?  Wie würden die Welt, ein Land oder zumindest eine riesige Fläche tatsächlich aussehen, wenn es dort keinen Tiermord und -missbrauch geben würde? Wie Überzeugungsarbeit leisten in Gegenden, in denen Tierschutz, Tierrechte und auch Menschenrechte Fremdworte sind? Und ist das ganze aktive Bemühen um die Tiere nicht letztendlich auch eine, von Frustrationen begleitete Sisyphusarbeit?

Was letzteres betrifft, zeigt sich Hilal Sezgin einmal mehr zuversichtlich und pragmatisch. „Auch das Erreichen des Weltfriedens oder die Abschaffung der Folter“, so schreibt sie, würden schließlich immer noch „in den Sternen“ stehen. Und fügt hinzu: „Na und? Es ist trotzdem falsch zu töten und zu misshandeln, und es lohnt sich trotzdem, sich zu engagieren.“

Artgerecht ist nur die Freiheit

Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen

Hilal Sezgin
Verlag C.H. Beck 2014
17,50
ISBN 978-3-406-65904-1

Hilal Sezgin, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebt in der Lüneburger Heide, schreibt über Tier- und Menschenrechte unter anderem für die taz, „Die Zeit“ oder auch den „Spiegel“. Publikationen u.a.: „Landleben. Von einer, die rauszog“, „Mihriban pfeift auf Gott“, „Typisch Türkin?“, „Das Manifest der Vielen“ (Herausgeberin) www.hilalsezgin.de

Ein Artikel von Ruth