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Der Wolf in Zeiten des großen Artensterbens

In Deutschland galten Wölfe seit 150 Jahren als ausgerottet, bis sie Anfang des Millenniums langsam aus Osteuropa zurückkehrten, um zu bleiben. Doch Koexistenz brauch neben Empathie, einem offenen Geist und Herzen vor allem eines: Information! Nur so kann alten Schauermären und frisch geschürter Hysterie Paroli geboten werden. Heiko Anders, leidenschaftlicher Naturfotograf und Artenschützer, hat sich dies zur Aufgabe gesetzt.

Vom gegenseitigen Respekt zur Feindschaft und wieder retour

Wölfe waren einst auf der Nordhalbkugel eine weit verbreitete Art und vom Menschen sehr respektiert. Doch im Laufe der Jahrtausende wurde der vermeintliche Homo sapiens zum schlimmsten Feind des Canis lupus. Indem er die Wälder abholzte, beraubte er den Wolf seiner wilden Heimat. Indem er sogenannte Nutztiere züchtete, präsentierte er dem Wolf Beute ‚frei Haus‘, die dieser aber nicht anrühren durfte. Tat er es doch, wurde er brutal verfolgt und getötet. Religion, Aberglauben, nimmersatte Gier und Mordlust taten das Übrige, um den Wolf zu dämonisieren und zum Abschuss freizugeben.

Auch heute noch, in der scheinbar aufgeklärten und zivilisierten Welt des 21. Jahrhunderts, möchten einige den Wolf lieber tot als lebendig sehen. Wir brauchen ihn nicht, sagt manch Jägermeister. Er hat in der Kulturlandschaft nichts verloren, tönt es seitens der Agrarlobby. Er ist eine Gefahr für Wanderer und Kinder, meinen wenig informierte NormalbürgerInnen. Und auf Stimmungen aufspringende PolitikerInnen reagieren allzu gerne mit wolfsfeindlicher Anlassgesetzgebung. Bei all dieser Aversion darf aber eines nicht vergessen werden: die Mehrheit der Bevölkerung spricht sich in Deutschland wie in Österreich für ein Bleiben des Wolfes aus.

Im Vorwort wirft der Schauspieler und NABU-Wolfsbotschafter Andreas Hoppe die Frage auf: „Warum sollte es in Deutschland nicht möglich sein, mit den Wölfen zu leben? In Ländern wie Polen, Tschechien, Slowakei, Rumänien und Bulgarien, aber auch Italien, Spanien und Portugal ist die Präsenz des Wolfes Normalität und Gewohnheit.“

Natürlich hat diese Koexistenz zwischen Mensch und Wolf ihren Preis: Zäunungen, Herdenschutzhunde, Entschädigungen für Schäfer, usw. All das muss beim Wolfsmanagement bedacht werden.

Heiko Anders schrieb dieses in Kooperation mit dem Naturschutzbund (NABU) entstandene Buch nicht für Wolfsfreunde allein, sondern gerade auch für die Skeptiker. Wissen kann Leben retten; in diesem Fall das ganzer Wolfspopulationen.

Wolf Aufklärung

Welpe des Rudels Coswig, 18. Juli 2015 (Foto: © Heiko Anders)

Akzeptanz beginnt mit Information

Das Wichtigste ist, in die Köpfe und Herzen der Menschen vorzudringen. Hierzu führt uns dieser prächtige Bildband ins Wohnzimmer der Wölfe, in die Natur. Er gewährt Einblick in ihre Kinderstube, zeigt uns charmante Wölflinge, und lehrt uns wichtige Fakten über das Leben im Rudel. Heiko Anders führt uns mit ansprechenden Schnappschüssen vor Augen, dass der Wolf einfach ein faszinierendes Wildtier ist, das seinen berechtigten Platz in Deutschland eingenommen hat. Nicht mehr (Verniedlichung), nicht weniger (Verteufelung).

  • Gut übersichtliche Paragraphen halten Basis-Wissen über Meister Isegrim bereit: Vorkommen und Verbreitung, wölfischer Speiseplan.
  • Ein Steckbrief gibt Auskunft über Aussehen, Gewicht, Tragezeit oder Territorium
  • Ganz am Ende des Buches steht eine Rubrik übertitelt mit der Frage: Was tun, wenn ich einem Wolf begegne?

Den Wölfen auf der Spur

Seit 2015 dokumentiert Heiko Anders auf Wunsch der Bundeswehr die wechselhafte Geschichte der Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Lehnin in Brandenburg. Wie auch aus Österreich bekannt (Allentsteig im Waldviertel), eignen sich militärische Sperrzonen dieser Art sehr gut, um den Wölfen eine Zuflucht zu bieten, von der aus ihre Nachkommen abwandern, um neue Reviere in Besitz zu nehmen.

Auch im sächsischen Landkreis Meißen gab es einen Truppenübungsplatz, den der Autor mit der Kamera im Visier hat: die Gohrischheide und ihr Rudel. Seit 2007 ist dieses Areal Naturschutzgebiet. In der Lausitz wiederum unterstützt Anders den Bundesforst als Fotograf und hilft beim Wolfsmonitoring.

Das Buch geizt nicht mit großflächigen Fotos und zeigt umwerfend tolle Aufnahmen von Wölfen am Seeufer oder im Nebel. Aber auch Füchse oder Hirsche sind zu bestaunen. ‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘ bewahrheitet sich wieder mal.

Wolf Aufklärung

Wölfe aus dem Daubaner Wald (Foto: © Heiko Anders)

Ein Kontrapunkt zum großen Artensterben

Anfang Mai 2019 zog der Weltbiodiversitätsrat (IPBES), ein ExpertInnengremium aus 50 Ländern, eine ernüchternde Bilanz: Mehr als eine Million Tier- und Pflanzenspezies sind vom Aussterben bedroht. Viele von ihnen könnten in den kommenden Jahrzehnten verschwinden.

Mehr noch. Viele Fachleute gehen davon aus, dass derzeit das fünfte Massenaussterben der Erdgeschichte beginnt. Schon jetzt sei die Geschwindigkeit, in der die Arten aussterben, zwischen zehn- und hundertmal höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre, hieß es. Die Ursachen sind die fortschreitende Umweltzerstörung und der Klimawandel.

Zum Abschluss möchte ich nochmals auf das Vorwort von Andreas Hoppe zurückkehren: „Was kosten uns jetzt schon die Klimakatastrophen und ihre Folgen? Und das ist erst der Anfang! Vielleicht sollten wir den Wolf als unseren Lehrmeister annehmen für ein Umdenken hin zur Natur, zur Freiheit und einem Neubeginn.“

Nutzen wir diese möglicherweise letzte Chance, erlauben wir der Natur Freiheit und Vielfalt, degradieren wir sie nicht zum Selbstbedienungsladen! In Deutschland, in Österreich, in Europa, weltweit! Danke für dieses Buch, Heiko Anders! Isegrim möge uns ein Leitbild sein.

Das Leben unserer Wölfe

Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren

Heiko Anders/NABU
Haupt Verlag (Bern, 2019)
208 Seiten
29,90 €
ISBN: 978-3-258-08108-3

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Ein Artikel von Alexander

1 Kommentar

  • Weidhase Bärbel sagt:

    Sehr schön und ich hoffe ganz sehr das die Menschen aufhören unsere Erde zu peingen wie auch manche Tiere.
    Jedes Leben hat Lebensrecht und manche Menschen müssen wieder lernen mit der Natur zu leben und nicht gegen diese. Das Abschußrecht gehört nicht her ich bete darum das die Übermacht für die Natur siegen wird.