Böse ist hier kein Wolf…

Rotkäppchen, die sieben Geißlein, Disneys Big Bad Wolf. Leider allzu oft wird der Wolf in Kindergeschichten als durchtriebener Bösewicht beschrieben, was sich im Unterbewusstsein verankert und dann im Erwachsenenalter zu manifestierten Ängsten führt. Die von Vorurteilen getriebene Debatte um die Rückkehr des Wolfes nach Mitteleuropa zeugt davon. Hoch an der Zeit, Kindern ein anderes Wolfsbild zu vermitteln. „Der Lesewolf“ bzw. „Der alte Wolf“ schlagen da zeitgerechtere Wege ein.

Der Lesewolf (© Midas Kinderbuch 2018); Der alte Wolf (© Jungbrunnen 2019)

Lesen schlägt Brücken

Im Wald geht die Angst um. Eichhörnchen, Dachs, Wildschwein & Co laufen davon, da sie glauben, der Wolf möchte sie verspeisen. Doch dem steht der Geschmack nach anderem, seit er einen Menschenvater belauscht hatte, wie der seiner Tochter eine Geschichte vorlas. Nun will der Wolf, dass man auch ihm vorliest. Dem nicht genug: Er möchte selbst lesen lernen. In einem Häschen, das kein Angsthase sein mag, findet der Wolf seinen Lehrmeister.

Die Illustrationen von Michaël Derullieux sind sehr ansprechend. Anfangs schleicht der Wolf mit grimmigem Blick umher; und selbst da ist er sympathisch gezeichnet. Nach und nach wirkt er dann immer fröhlicher.

Was den Text von Bénédicte Carboneill angeht, muss ich beim Satz: „Normalerweise hätte er die beiden mit Haut und Haar verschlungen.“ (gemeint sind der Menschenvater und sein Kind) Kritik üben. Denn dass ein Wolf ‚normalerweise‘ Menschen jagt, ist Humbug. Eine unglückliche Formulierung, die nicht zum Rest des Buches passt.

Ein Wolf, der nicht mehr töten will, weil er lieber Bücher verschlingt. Bildung erweitert den Horizont, macht empathischer, lässt einen die Welt differenzierter sehen. Und der kleine Hase ist ein wunderbares Beispiel für die Überwindung von Ängsten. Mut als erster Schritt zu tollen Erfahrungen.

Der Lesewolf

Bénédicte Carboneill (Text), Michaël Derullieux (Illustrationen)
Midas Kinderbuch (2018)
32 Seiten, geeignet für 4-8 Jahre
€ 15,-

ISBN: 987-3-03876-136-5

Auf zu neuen Ufern!

Lange lebte der alte Wolf in seinem angestammten Revier, kannte alle geheimen Pfade und entdeckte seine Jäger lange bevor sie ihn sahen. Oft ließ er seine Verfolger in die Irre stolpern. Doch der Zahn der Zeit beginnt an ihm zu nagen. Er wird langsamer und verspürt immer weniger Lust, die gewohnten Verstecke zu verlassen und neue zu suchen. „Ich muss weg von hier“, sagt er sich. Und so begibt sich der alte Wolf auf eine lange Wanderschaft. Er hatte von einem geheimnisvollen großen See gehört. Zu diesem will er hin. Was da wohl hinter dem Gewässer liegt?

Ein schönes Kinderbuch mit freundlichen Wolfszeichnungen. Keine Spur von Angstmache, keine Jagdverherrlichung. Von subtiler Weisheit durchdrungen und mit einem Ende, das vielfältige Interpretationen zulässt und somit der Fantasie einen Schub gibt.

Ich würde meinen, „Der alte Wolf“ eignet sich auch hervorragend, um bei Kindern ein Verständnis für den Alterungsprozess ihrer Großeltern zu erzeugen. Denn auch die ältere Generation war mal jung und agil.

Der alte Wolf

Karl Rühmann (Text), Maria Stalder (Illustrationen)
Jungbrunnen (2019)
32 Seiten: geeignet für 4-6 Jahre
€ 15,-

ISBN: 978-3-70265-930-1

 

Artikel teilen:

Ein Artikel von Alexander