„Anders leben – wilder denken, freier lieben, grüner wohnen“

ZEIT Geschichte - Anders lebenFür eine bessere Welt für alle zu sein – das heißt auch: anders leben, anders denken, anders essen.
Kaum zu glauben, dass dieses revolutionäre Umdenken nicht erst mit der 68er-Bewegung einsetze, sondern bereits vor rund 150 Jahren. Wichtigster Schritt damals: kein Fleisch zu konsumieren – und das in einer Zeit, in der die Massentierhaltung und Fließbandtötung von Rindern begonnen hatte.

Und so bietet das Sonderheft der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem Titel „Anders leben“ einen fesselnden Rückblick auf Menschen und Initiativen, die dem Spießertum, dem Konservatismus und Kriegsfanatismus friedliche, neue Lebensmodelle entgegen setzten. Der Verzicht auf Fleisch – und oft auch auf Alkohol und Tabak – war dabei eine der wichtigsten Grundlagen dieser Reformbewegungen.
184 vegetarische Gaststätten gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts allein in Deutschland. Das erste  vegetarischen Restaurants, für das übrigens der Komponist Richard Wagner größte Sympathien hegte – er wollte auch bei den Festspielen einen „vegetarischen Tisch“ ins Leben rufen – wurde 1871 in Bayreuth gegründet.  Weitere solche Gaststätten in Österreich und der Schweiz folgten.
Zudem wurde in den 1880er Jahren das erste reformhaus-ähnliche Kaufhaus in Berlin gegründet, und Anna Springers „Vegetarisches Kochbuch“ zu einem wahren Bestseller, das in mehreren Auflagen erschien.
Mit dem Vegetarismus gingen auch andere gesellschaftliche Reformideen Hand in Hand – Schulen etwa, in denen neben pflanzlicher Kost die Freude am Lernen im Mittelpunkt stand. Der Vegetarier Johann Karl Weck erfand im 19. Jahrhundert das heute noch populäre Weck-Glas, und in Dänemark konnten durch vegetarischer Ernährung die Hungersnöte nach dem 1. Weltkrieg verhindert werden.
Auch für die Emanzipation der Frauen war der Trend, kein Fleisch mehr zu essen, eine Hilfe: Vegetarische Gerichte waren in den Gaststätten billiger als Fleisch und zu Hause schnell und einfach zu kochen – wichtig für berufstätige Frauen, die oft zu niedrigen Löhnen arbeiten und abends oft noch ihre Familie versorgen mussten.

Ganz anders war das beim Militär: Dort bedeuteten hoher Fleisch- und Alkoholkonsum höheres Ansehen und Prestige. Von Reformideen geprägte Männer hingegen erkannten rasch, dass sich auch ohne diese Statussymbole gut und anerkannt leben ließ.
Für viele Sozialreformer war es allerdings eine Enttäuschung, dass ausgerechnet die Arbeiter der vegetarischen Idee und Praxis nur im geringen Maße folgten. Zu sehr litt diese Bevölkerungsschicht unter Ausbeutung und miserablen Arbeitsbedingungen, zu stark stand für sie die gesunde Lebensweise mit Verzicht in Zusammenhang.
Ebenfalls problematisch und leider folgenreich: Auch völkische, antisemitische und deutschnationale Ideologen, die für „Reinheit“ und gegen „Artfremdes“ kämpften, begeisterten sich für den Vegetarismus und Tierschutz.

Und so ist dieser Rückblick voll Parallelen zur Gegenwart: In manchen Punkten erschreckend, aber in sehr vielen mehr – nämlich wenn es um Menschenrechte, demokratische Lebensgemeinschaften und humanistische Sozialreformen geht – faszinierend.

ZEIT Geschichte: Anders leben
Wilder denken, freier lieben, grüner wohnen – Jugendbewegung und Lebensreform in Deutschland um 1900
Heft 2/2013
www.zeit.de

Ein Artikel von Ruth