Eine tier- und menschenfreundliche Katzen-Weihnachts- und Weltverbesserungs-Mitmachgeschichte

Zwei Tage vor dem Heiligen Abend wollen wir euch mit einer ganz besonderen Weihnachtsgeschichte erfreuen. Sie stammt aus der Feder von Ruth Rybarski, langjähriges animal.fair Team- und Gründungsmitglied.

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Weihnachten konnte Herr K. überhaupt nicht leiden. Der Baum stand nämlich just auf seinem Lieblingsplatz – mitten am Esstisch. Geschmückt war die Tanne mit teuren Glasperlen und Glitzersternchen, über die – zum weiteren Leidwesen von Herrn K. – ein strenges Berührungsverbot verhängt war. Auch Geschenke auszupacken war ihm nicht erlaubt, obwohl er darin eine unschlagbare Geschicklichkeit besaß. Und im Papier zu wühlen, ging schon gar nicht: Die teuren, handgefertigten Einwickelbögen wurden nach der Bescherung verräumt, später dann gebügelt und katersicher im Kasten verstaut.

All das – Baum, Schmuck und Verbote – war allerdings relativ neu im Haushalt von Herrn K. und seiner beiden menschlichen Mitbewohner. Denn diese – Friedrich und Ferdinand – waren in früheren Jahren enthusiastische Weihnachtshasser gewesen – ein, wie Herr K. fand, sympathisches, aber umständliches Unterfangen. Nichts im Haus durfte an das verpönte Fest erinnern. Selbst der Weihnachtskaktus musste dran glauben und wurde demonstrativ mit Ostereiern dekoriert. Abgesehen davon ging es Ende Dezember immer recht gemütlich zu. Es war die Zeit, in der Herr K. auch seine Lebensmenschen kennen gelernt hatte.

Friedrich und Ferdinand hatten die heiklen Dezember-Tage wie immer in der Toskana zugebracht, tranken Rotwein aus dickwandigen Gläsern und schmökerten in klugen Büchern. Dass sie oft Händchen hielten, einander anlächelten und sich auch sonst sehr mochten, fand Herr K. ausgesprochen nett und zog bei ihnen ein. Sein bisheriges Leben mit minderjährigen Rangen und deren streitsüchtigen Eltern hatte er ohnehin nie als artgerechtes Zuhause empfunden.

Für Herrn K. passte bei Friedrich und Ferdinand also alles. Täglich wurde seine Eleganz bewundert, egal ob er spielte, fraß oder eben am Esstisch döste. Er konnte den Garten ungehindert benutzen und wurde Fremden als „unser gemeinsamer Lebengefährte“ präsentiert. Warum er Herr K. genannt wurde, erfuhr er eines Tags durch Zufall. Im Regal entdeckte er ein suhrkamp-farbenes Büchlein, dessen Geschichten just seinen Namen trugen.

Nun aber diese neuen, pompösen Weihnachtsrituale, nur, weil die Weihnachtsverweigerung bereits massentauglich geworden war. Diesmal aber, so beschloss Herr K., würde alles anders werden. Gegen drei Uhr nachmittags verließ er das Haus. Wegen des Klimawandels fiel kein Schnee, den er aber ohnehin nicht leiden konnte. Auf der Gartenmauer saß Pamela. Dass Her K., gebürtiger Italiener, sie zweisprachig begrüßte, beeindruckte sie. Als sie ihn auf einen Spaziergang einlud, sagt er seinerseits nicht nein.

Pamela hatte schon viel von der Gegend rund um sie herum gesehen, mehr noch als Herr K.. Sie war oft unterwegs. Lange hatte sie in ihrer Jugend hinter Gittern sitzen müssen, andere Katzen nebenan verzweifelt jaulen gehört – Katzen, die wie sie plötzlich kein Zuhause mehr hatten, sich auf einen Parkplatz ausgesetzt oder an einen Baum gefesselt wieder fanden und gerade noch gerettet worden konnten. Herr K. war entsetzt. Aber er freute sich auch. Darüber, dass es Menschen gab, die Pamela ein Zuhause gaben, und dass er mit Ferdinand und Friedrich im Allgemeinen unbeschwert leben durfte.

„So“, sagte Pamela nach der ersten persönlichen Konversation, „jetzt gehen wir in den Stall“. Da sträubte sich Herr K.. Stall und Krippe, Ochs und Esel, Weihrauch und Myrrhe, nein danke. Die glücklichen Tage der Weihnachtsverweigerung fielen ihm wieder ein.

Aber was Pamela ihm zeigte, war kein Weihnachtsstall, sondern Elend, Unglück, Traurigkeit. Kühe mit dem Kopf in eisernen Ketten, festgebunden an einer fensterlosen Wand. Weit weg von ihnen nur wenige Tage alte Kälber, eingekerkert zwischen Gitterstäben und an allem schleckend voll Sehnsucht nach der Mutter. Schweine auf sperrigen, schmerzenden Gitterböden voll Schmutz. Und Hühner in unüberschaubaren Massen, zusammengepfercht und verzweifelt flatternd. Und draußen vor der Tür ein scheußliches Auto, auf dem protzig „Tiertransport“ stand.

Herr K. war fassungslos. Er hatte nicht gewusst, wozu Menschen fähig waren. Und er schwor, heute ein richtiger Weihnachtskater zu sein, samt Weihnachtsfriede, Weihnachtswunder und allem, was dazugehört, dass selbst Friedrich und Ferdinand ihre Freude haben würden.

Zielsicher sprang Herr K. auf das vergitterte Stallfenster neben der Türe. Mutig fädelte die Pfote durch den Griff. Die Geschicklichkeit hat er sich durchs Geschenkeauspacken erworben. Draußen weit und breit kein Mensch. Das Tor ging auf. Pamela jagte ums Eck. Auch hinter ihr knarrte eine Tür. Und weiter hinten rasselten Ketten zu Boden.

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Erst am nächsten Tag wurde alles entdeckt. Die Tiere waren davon, die Kühe hatten einen offenen Stall mit Heu entdeckt, wo sie nun sicher mit ihren Babys lagen. Die Schweine fanden sauberes Stroh und atmeten entspannt und hörbar durch. Nur die Hühner waren noch zu erschöpft, sich neugierig im Freien umzusehen. Ihre Zehen waren auf dem Eisenboden verkrüppelt, die Schnäbel hatte ihnen der Bauer mit heißem Draht abgesägt, wie das so üblich war. Und das war der Beginn einer Weihnachtsgeschichte, die nicht so bald enden würde. Und weil immer noch Weihnachtszeit war, ging alles ein wenig schneller als sonst.

Die Frau des Bauern und ihre Söhne waren nicht empört, sondern sogar begeistert darüber, was in der Weihnachtsnacht geschehen war. Sie konnten das Leid und die Qualen seit langem nicht mehr sehen, hatten schon längst Gemüsebauern werden wollen und freuten sich nun, den Kühen nicht mehr die Milch und später das Leben nehmen zu müssen. Ihr Nachbar wiederum baute seinen leeren Schuppen für die Hühner um, mit Stangen und viel Platz zum Scharren auf der Wiese davor. Dort sollten sie frei leben bis zu ihrem natürlichen Ende. Und für die Schweine fand sich ein verlassener Garten. Was immer zu arbeiten war, Friedrich und Ferdinand halfen mit.

Und so ging es weiter, auch als es Frühling und Sommer war. Das hässliche Gebäude im Nachbarort, wo früher die Tiere vor Angst und Ohnmacht wegen ihres bevorstehenden Todes gebrüllt hatten, wurde niedergerissen. Die Arbeiter hatten anderswo eine friedliche Anstellung gefunden. Anstelle des Gebäudes entstand ein See. Er musste keine andere Aufgabe erfüllen, als einfach nur See zu sein, mit Fischen und Fröschen, denen keiner was tat, und er war deshalb wunderschön. Ein weiterer Bauer wechselte vom Viehzüchten zum Brotbacken, erfüllte sich damit einen Kindheitswunsch und sah seither besser und gesünder aus. Eine Frau eröffnete einen Handwerksbetrieb, ihre Freundin wurde statt Milchfrau Maurerin.

Und der Bauer, bei dem alles angefangen hat? Er hatte erstmals seinen Tieren in die Augen geschaut. Als er dann aufgehört hatte, zu weinen, begriff er erstmals den Satz „Du sollst nicht töten“, schmolz die Messer und die Ketten ein und baute Milchkannen gewinnbringend zu Blumenvasen um.

© Angelina S…….., pixelio.de

Und die Kühe konnten grasen, die Schweine Schweine sein und auch die Hühner kamen langsam wieder zu Federn, Krallen und Kräften. Und sie freuten sich, nun ein Leben ohne Angst führen zu dürfen, bis zu ihrem natürlichen Tod.

Als die Sonnenblumen vor dem Haus von Friedrich und Ferdinand dunkelgelb wurden, schaute Herr. K. auf den Kalender und sah, dass dort noch immer „24. Dezember“ stand. Es war also alles doch nur ein Märchen, so schön dieses Märchen war. Das machte ihn ein bisschen traurig.  Dann kam Ferdinand die Küche und sah den Blick von Herrn K.. „Oh Schreck“, meinte er, „wie konnte ich bloß vergessen, den Kalender zu tauschen?“ Und plötzlich war es August. Jetzt wagte Herr K. nicht mehr, durchs Fenster zu schauen. Jetzt also war es vorbei, das Weihnachtswunder. Panisch sprang er Friedrich in den Arm. Und der ging mit ihm vors Haus.

Und dann sah Herr K., wie alles wirklich war. Er sah nicht eine Sonnenblume, er sah tausende. Und einen See. Herumtollende Pferde ohne Reiter. Glückliche Gänse und grunzende Schweine, die keine Menschen mehr zu fürchten hatten.

Und da verstand auch er, was Ferdinand und Friedrich und Pamela und viele andere schon längst wussten: Jeder, wirklich jeder, kann Wunder wirken. Zu Weihnachten und immer und überall.

 

Die Geschichte wurde uns von der Autorin und animal.fair Teammitglied Ruth Rybarski zur Verfügung gestellt.
Die Geschichte ist in dem Buch „Lebt das Christkind hinterm Mond?“ im Pustet Verlag 2011 erschienen (ISBN: 978-3-7025-0657-5)

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Ein Artikel von Petra