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Die Wurst ist mir wurst

Die Wogen gehen hoch, seit man den VeganerInnen ihr Tofuwürstl wegnehmen will. Vor allem VertreterInnen der Landwirt- und Bauernschaft weisen auf den Wortdiebstahl hin und betonen unablässig, wie ungesund vegane Ernährung sei. Dazu erstens die Richtigstellung eines sehr verbreiteten und sehr falschen Klischees und zweitens eine Frage:
1. Der VeganerInnen Grundnahrungsmittel heißen Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse, Saaten und ab und zu Algen!
2. Vertreten die VertreterInnen der Landwirt- und Bauernschaft auch die GemüselandwirtInnen oder nur die Bauern/Bäuerinnen und Großbauern/Großbäuerinnen, die Tiere züchten?

Tofuwürstl

Vegane Wurst und Fleischproduktion ;-)

Vegane Grundnahrungsmittel: Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte und Obst …

… sowie regelmäßig Nüsse und Saaten (wie etwa Leinsamen) und ab und zu Algen. Und zwar in ihrer reinen, nicht industriell verarbeiteten Form! Das ist es auch schon im Wesentlichen. Diese Lebensmittel bilden die nahrhafte und üppige Basis veganer (= pflanzlicher) Ernährung, bevorzugt in biologischer Qualität und aus der Region. Angesichts dessen beobachtet man als vegan lebender Mensch verwundert die aktuelle Debatte, denn wir ernähren uns meist nicht von Tofuwürstl und Seitanschnitzel. Wer in einer Buchhandlung die vielen veganen Kochbücher, die in den vergangenen Jahren publiziert wurden, durchblättert, wird relativ lange nach Sojaente und anderem texturiertem Sojafleisch suchen, dafür aber kreative Pflanzenküche entdecken. Ähnliches spiegelt sich auch in den unzähligen veganen Foodblogs wider: Da wird experimentiert und kombiniert, veganisiert und raffiniert gewürzt. Wir erleben gerade die Entwicklung einer modernen, zeitgemäßen, gesunden, umweltfreundlichen und nicht zuletzt friedvollen Küche. Sie steckt vielleicht teilweise noch in den Kinderschuhen, aber nicht mehr in den Babyschuhen.

markt

Keine Beilagen! Zutaten für vegane Hauptspeisen.

Leberkäse oder Sojasalami?

Seitdem sich die vegane Ernährungsweise wachsender Beliebtheit erfreut, tauchen vermehrt KritikerInnen auf, die – ausgehend von der Annahme, Fleisch würde im veganen Speiseplan 1:1 durch “Vleisch” ersetzt – darauf hinweisen, dass diese Ernährungsform nicht gesund sei. Denn mehrere Untersuchen, die Tofuwürstel oder Sojaschnitzel unter die Lupe genommen haben, belegen: Sie enthalten durchwegs zuviel Salz oder Zucker, Hefeextrakt usw. Ja eh … Leberkäse und Extrawurst, Tiefkühlpizza und Chips mit Sour Cream & Onion sind aber wohl auch nicht gesünder, oder!? Erinnern wir uns an den Film “Super Size Me”. Junkfood ist und bleibt Junkfood, egal, ob vegan oder omnivor (Ernährungsform der AllesesserInnen): In beiden Fällen werden bei einer darauf basierenden Ernährung gesundheitliche Folgen nicht ausbleiben.

Also bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Vegane Fertiggerichte werden omnivoren Fertiggerichten wohl um nichts nachstehen. Aber die Mehrheit der VeganerInnen ernährt sich eben nicht überwiegend von Fertiggerichten, sondern steht in der Küche und kocht mit …? Erraten: Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten usw.

Studien bestätigen, dass gerade unter VeganerInnen ein hohes Gesundheitsbewusstsein herrscht. Ersatzfleisch ist jedenfalls kein veganes Grundnahrungsmittel. Aber warum gibt es dann die Sojaente?

gemuese

Scheint eine beliebte Form zu sein…

Die Sache mit dem Geschmack

Wieso braucht’s ihr das überhaupt, den Fleischgeschmack, die Wurstform? Berechtigte Frage! Die meisten von uns PflanzenliebhaberInnen sind ja noch ganz anders aufgewachsen. Am Sonntag ging es zu Oma und Opa zum Backhendel-Essen, wer mit Grippe im Bett lag, bekam von Mama und Papa eine Hühnereinmachsuppe und das coole Nonplusultra war der erste Mackie im Ort. Diese positiven Erlebnisse waren mit Geschmack kombiniert, das hat sich eingeprägt: ins Gedächtnis und in die Geschmacksknospen.

Kinder, die von Anfang an vegetarisch oder vegan aufgewachsen sind, bekommen andere Prägungen mit. Ihnen wird warm ums Herz, wenn es am Sonntag gefüllte Portobellopilze aus dem Rohr gibt. Oder wenn sie am Krankenbett eine kräftige 5-Elemente-Gemüsebrühe nach Mamas Rezept serviert bekommen.

Wir anderen aber, die wir kulinarisch erst mal anders grundgeprägt wurden, erleben eine Phase des Übergangs, wo wir vor allem am Anfang öfter zum Soja-Cordon-Bleu oder der Weizen-Chorizo greifen, weil wir’s halt kennen und weil wir uns vor allem am Anfang einer Ernährungsumstellung öfter mal nach Altbekanntem sehnen. Vielfach ist es auch die Sehnsucht nach der Zubereitungsart, etwa dem fetten Panierten oder einfach nur die Unsicherheit, ein reines Gemüsegericht schmackhaft zubereiten zu können.

Deshalb: Ja, wir essen diese veganen Fertigprodukte manchmal. Deshalb sind sie auch vermehrt in den Regalen von Lebensmittelmärkten zu finden. Immerhin ernähren sich immer mehr Menschen (potentielle KundInnen) fleischlos und spezielle vegane Fleischersatz-Kreationen lassen sich besser vermarkten als altbekanntes Obst, Gemüse oder Getreide in seiner ursprünglichen Form. Aber wir ernähren uns nicht vorwiegend davon! Wahrscheinlich seltener als ein sich omnivor, aber einigermaßen ausgewogen ernährender Mensch, der ab und an mal zu Fertiglasagne und Tiefkühlpizza greift. Aber Geschmack ist nicht in Stein gemeißelt, sondern antrainiert und kann sich deshalb auch verändern. Viele langjährige VeganerInnen etwa greifen immer seltener zu Fleischersatzprodukten.

Apropos Geschmack und Veränderung: Während sich vor 30 Jahren halb Österreich beim Gedanken an rohen Fisch noch der Magen umgedrehte, gibt es heute Sushi-Lokale an jeder Ecke, die sich großer Beliebtheit erfreuen, aber leider auch die Leerfischung der Meere befeuern. Geschmack darf sich also verändern … warum also nicht auch in eine Richtung, die möglichst wenig Schaden anrichtet, etwa in Richtung pflanzenbasierter Küche.
Damit kommen wir zu Punkt zwei und unserer Frage an LandwirtschaftsministerInnen, Landwirtschaftskammer und Bauernbund:

Vertreten Sie auch die Gemüsebauern und -bäuerinnen?

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Warum fühlen sich VertreterInnen der heimischen Landwirtschaft durch die Lebens- und Ernährungsweise der VeganerInnen eigentlich so auf den Schlips getreten? Und warum sehen sie gar die heimische Landwirtschaft bedroht? Ist es nicht wunderbar, wenn mehr Tofu und Tempeh aus in Österreich angebauten Sojabohnen gegessen wird!? Dabei handelt es sich um eiweißreiche, regionale Lebensmittel und es gibt einige erstklassige heimische ErzeugerInnen. Wussten Sie übrigens, dass im österreichischen Donauraum schon in der Monarchie Soja angebaut und dies auch gefördert wurde!? Ist es nicht großartig, wenn in Österreich viel frisches Obst und Gemüse angebaut wird und dieses nicht importiert werden muss!?

Setzen sich die LandwirtschaftsvertreterInnen mit dem gleichen Engagement für die Bohnenbauern und -bäuerinnen ein wie sie als Stimme der Schweinebauern und -bäuerinnen zu hören sind? Sind sie auch eine Lobby für Gemüsebauern und -bäuerinnen? Warum sind dann die landwirtschaftlichen Förderungen und EU-Gelder so ungerecht aufgeteilt? Warum geht immer noch der Großteil der EU-Agrarsubventionen an Betriebe, die tierische Produkte erzeugen? (1) Warum rentiert es sich im Gegenteil für einen heimischen Gemüsebauern, eine heimische Gemüsebäuerin praktisch nicht, Hülsenfrüchte anzubauen? Warum kommen die meisten Biobohnen, die es im Handel gibt, aus China und nicht aus Österreich? Nicht wegen eines Mangels an Nachfrage, sondern wegen ungleich verteilter landwirtschaftlicher Förderungen!

VeganerInnen bedrohen die heimische Landwirtschaft in keiner Weise. Sie tragen höchstens dazu bei, dass sich Schwerpunkte verschieben. Vielleicht gibt es künftig mehr Gemüsebauern und -bäuerinnen als Nutz”tier”bauern und -bäuerinnen. Der österreichischen Landwirtschaft insgesamt wird das nicht schaden, im Gegenteil.

Heute schon die Umwelt vertreten?

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist bekannt, dass die Viehzucht (für Fleisch- und Milchprodukte) eine der Hauptursachen des Klimawandels ist. Die Ernährungsorganisation der UNO, die FAO, hat dies bereits 2006 belegt (2). Seither sind zahlreiche Studien und Fachbücher publiziert worden, die auf die katastrophalen Folgen des westlichen Ernährungsstils auf die Umwelt hinweisen und Konsequenzen fordern.

Doch diese blieben und bleiben aus. In Deutschland fordert jetzt immerhin das Umweltbundesamt, dass Fleisch und Milch höher besteuert werden sollen. (3) In Österreich weisen Landwirtschaftskammer und Bauernbund dies sofort zurück. Wiederum in Deutschland macht sich der Ernährungsminister für den Verbleib von Schweinefleisch an den Schulkantinen stark. Und in Österreich propagiert die AMA (Agrar Markt Austria) regelmäßig die Lebenskraft von Fleisch, verteufeln Bauernbund und Landwirtschaftskammer vegane Lebensmittel – offenbar ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sie damit auch die Früchte ihrer (Gemüse-)Bauern und Bäuerinnen Arbeit verteufeln. Oder zielt ihre Kritik etwa nur auf Fertiggerichte ab? Wo bleibt dann aber die Kritik an omnivoren Fertiggerichten?
Und was macht der Umweltminister aka Landwirtschaftsminister?

Obwohl nachgewiesen ist, dass eine vegane bzw. großteils pflanzenbetonte Ernährung den geringsten ökologischen Fußabdruck hinterlässt, also am umweltfreundlichsten ist, wird diese nicht gefördert.

Wer macht sich dafür stark, dass in den Schulbuffets nicht Augsburger mit Pommes und Wurstsemmeln an die SchülerInnen verteilt werden, sondern gesunde Gemüsegerichte? Wo bleiben die Lenkungsmaßnahmen, die den Trend zu mehr Pflanzlichem in der Ernährung unterstützen? VegetarierInnen können in Österreich nicht einmal eine Kochlehre absolvieren, da sie gesetzlich verpflichtet sind, mit Fleisch zu kochen und dieses auch zu kosten. Obwohl es die Umwelt weit mehr belastet, kostet Fleisch oft weniger als Gemüse und Obst. Hier wäre die Politik gefragt. Aber was will man erwarten, wenn sich dieses Themas noch nicht einmal die Grünen angenommen haben!?

km-karte-klimaschutz

© Swissveg (http://www.vegetarismus.ch/klimaschutz/)

Und wer vertritt die Gesundheit?

Ein vorwiegend pflanzlicher Speisezettel tut nicht nur der Umwelt gut, sondern auch der Gesundheit. Auch in diesem Bereich gibt es ja schon einiges an Forschung und Studien. Es muss nicht jede/r gleich VeganerIn werden, aber mehr Gemüse und Obst, mehr Hülsenfrüchte und Getreide in der Ernährung sind in jedem Fall empfehlenswert. Viele Zivilisationskrankheiten sehen WissenschafterInnen und MedizinerInnen im Zusammenhang mit übermäßigem Konsum von tierischem Protein (Eiweiß). Mehr Pflanzen auf dem Teller würden sich demnach auch ziemlich positiv auf die Volksgesundheit auswirken und damit auf die Kosten für das Gesundheitssystem. Und warum tönt es dann nicht laut aus dem Gesundheitsministerium: “Der Sonntagsbraten ist genug!” …?

Aber vielleicht ist das nur mehr eine Frage der Zeit. Die Vorboten aus den USA kann man auch hierzulande bereits hören. Die US-amerikanische Ernährungsorganisation “Academy of Nutrition and Dietetics” (4) wird ihre Gründe haben, wenn sie die gesundheitlichen Vorteile vegetarischer (inklusive veganer) Ernährung betont und schreibt:

“It is the position of the Academy of Nutrition and Dietetics that appropriately planned vegetarian, including vegan, diets are healthful, nutritionally adequate, and may provide health benefits for the prevention and treatment of certain diseases. These diets are appropriate for all stages of the life cycle, including pregnancy, lactation, infancy, childhood, adolescence, older adulthood, and for athletes. Plant-based diets are more environmentally sustainable than diets rich in animal products because they use fewer natural resources and are associated with much less environmental damage. Vegetar- ians and vegans are at reduced risk of certain health conditions, including ischemic heart disease, type 2 diabetes, hypertension, certain types of cancer, and obesity.” (Dezember 2016)

Lebensfreude und Genuss

Die Diskussion um die Wurst ist ein Nebenschauplatz. Auch das Verbot, Sojamilch als Soja”milch” zu bezeichnen hat den Siegeszug von Sojadrink, Reisdrink, Hafer-, Mandel- und Dinkeldrink nicht aufhalten können. Und umgangssprachlich schert sich sowieso keiner darum und bestellt weiterhin seinen Cappucino mit Sojamilch.

Sprache verändert sich, Geschmack verändert sich. Auch die ethischen Einstellungen werden sich ändern, sobald die Menschen noch mehr über die Empfindungsfähigkeit und Intelligenz von Tieren erfahren.

In der Zwischenzeit ist aus meiner Sicht das beste vegane Rezept: freudvoll und entspannt vorleben …
… und pazifistisch wie wir ohnehin eingestellt sind, müssen wir zur Verteidigung der Wurst auch nicht die Waffen ziehen ;-)

Links und Quellen:

(1) global 2000
(2) FAO
(3) spiegel.de
(4) Academy of Nutrition and Dietetics

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Ein Artikel von animal.fair

3 Kommentare

  • Markus sagt:

    Schöner Text. Stimme mit dem meisten zu. Finde nur betonenswert und ergänzungsbedürftig, dass es viel mehr Gründe gibt, um zu “Fleischersatzprodukten” zu greifen, als bloß Geschmack und Nostalgie. Mir fiel da z.B. noch ein: 1. Die Möglichkeit gemeinsamen Ritualen teilzuhaben, wenn auch Fleischesser involviert sind, um nicht immer der Außenseiter sein zu müssen… da essen dann zumindest alle etwas, das die gleiche Form hat.

    2.

    Die Form von Fleischersatz es ist einfach praktisch. Fleisch wächst ja auch nicht in Schnitzel- oder Würstchenform und muss allererst in diese Form gebracht werden.

    Man bringt Fleisch in diese Form, weil es so praktisch zu verarbeiten und zu essen ist. Ich finde es daher auch etwas verfehlt, bei Fleischersatzprodukten immer so zu tun, als würden sie Fleischprodukte in Form und Geschmack imitieren wollen. Auch Fleischprodukte müssen Fleischprodukte in Form und Geschmack imitieren. Die schmecken nicht ohne Verarbeitung so und schauen erst recht nicht ohne viel Verarbeitung so aus.
    Wenn man von Schnitzeln oder Würsten spricht, so bezieht man sich doch eher auf die Form und die Art der Zubereitung, als auf das Rohmaterial. Daher ist es auch merkwürdig, wenn man sich beschwert, dass bei einer Veggiewurst nicht drin ist, was das Wort “Wurst” suggeriert… Das Wort “Wurst” suggeriert einfach nur die Form… (Man denke an die Kackwurst, bei der sich ja auch niemand wundert, warum sie nicht aus Fleisch ist).

    Long story short: Ich finde nichts, aber auch gar nichts komisch daran, nichtfleischige Rohstoffe in Wurst- oder Schnitzelform zu bringen. Ich finde, es ist eine merkwürdige Herangehensweise zu behaupten, dass wenn etwas diese Form hat, muss es auch aus diesem Rohstoff sein müsste.

  • Elke sagt:

    Sehr informativ. Danke!

  • angelika sagt:

    Ein großartiger Text, dankeschön!